Kultur : LPG, FKK, NVA

BODO MROZEK

Lesungen können dröge sein. Man kennt das: Dekorative Gemälde eines Hobbykünstlers auf Rauhfasertapete, Hausfrauenlyrik zu trockenem Rotwein. Es gibt aber auch viel lustigere Veranstaltungen. In der Brotfabrik Prenzlauer Berg sieht es zwar eher aus wie in einer Spandauer Vorstadtgalerie: Man sitzt artig auf Klappstühlen in Reih und Glied, bunte Bilder, Rauchen verboten. Der kurzhaarige Schriftsteller, der am Wochenende dort las, ist aber eine echte Entdeckung. Falko Hennig, von Lesungen im Schokoladen bekannt, hat einen Schelmenroman geschrieben. In sechzig Kurzkapiteln seiner Erzählung "Alles nur geklaut" (Maro-Verlag, 242 Seiten, 28 DM) entfaltet der 30jährige Berliner eine kriminelle Biographie zwischen LPG, FKK und NVA. Eine ganz normale DDR-Jugend, nur klaut der Ich-Erzähler wie ein Rabe. Bücher aus der Leihbibliothek, Schnaps aus der Kaufhalle, Westmüll von der Sonderdeponie. Hennig erzählt die Geschichte eines Taugenichts ohne den geringsten Respekt vor Volkseigentum. Die Wiedervereinigung wird von ihm als Professionalisierungschub in Sachen Kleinstkriminalität erlebt, plötzlich kann man auch Banken, Versicherungen oder Reiseunternehmen bescheißen, und das weltweit. In seinem lakonisch-nüchternen, völlig moralfreien Erzählgestus wirkt der Roman verdächtig authentisch. Nachdem Hennig das Buch mit einer lustigen Zeichnung signiert hat, tastet man lieber doch nach der Brieftasche. Sie ist noch da.

Falko Hennig liest am Sonntag, 4. Juli, im Schokoladen, 20 Uhr

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