Kultur : László Krasznahorkai reist nach New York und sieht die Stadt vor lauter Denken nicht

Hans-Peter Kunisch

Ein ungeheuer trauriges Buch. Nicht, weil die Figuren darin traurig wären und sein Inhalt. Das ist bei allen Romanen von László Krasznahorkai so. Und "Satanstango" und "Melancholie des Widerstands" sind zwei der besten Romane der letzten Jahre. Nicht nur in Ungarn, ganz einfach überhaupt: Philosophisch abgründig sind sie, gut erzählt und sprachverliebt. Was zum Lesen und was zum Denken. Voll szenischer Phantasie. Und ähnlich, denkt man sich, ist auch "Krieg und Krieg". Wenn man nur die ersten sechzig Seiten kennt. Auf denen der Archivar Korim sieben Kinder-Dieben, einer Straßen-Gang, auf einer Eisenbahnüberführung vor einem Güterbahnhof in der ungarischen Provinz seine Verzweiflungen und seine Hoffnung erklärt. Eine absurde Situation: Die Jungs wollen Geld, oder mindestens "was Reelles", und Korim faselt nur von der Rettung der Schönheit in einem Manuskript, von seinem Entschluß, mit dem Leben abzuschließen. Und diese eigentlich "irre langweilige" Story lässt die sieben Gangster-Kids vor Aufmerksamkeit erstarren, weil Korim an diesem Abend im November gut erzählt.

Grotesk wirkt diese sofort plastische Scheherezahde-Konstellation, wie der Grundeinfall von "Satanstango", wo es Krasznahorkai den ganzen Roman, über dreihundert Seiten lang, regnen ließ. Absurd auch wie Claude Simons Jahrhundertroman "Straße in Flandern", der nur aus den Gesprächen von einigen Soldaten besteht, die über Hunderte von Seiten lang durch den Nebel reiten. Das Unglück von "Krieg in Krieg" beginnt nach diesem souveränen Beginn genau dann, als Krasznahorkai mit dem Beginn des zweiten Kapitels zu vergessen scheint, dass Literatur nicht nur durch Handlungen wie "a tut dies" und "b tut das" entsteht. Solche Handlungen können vorkommen, sie sind nicht einmal von vornherein schädlich. Aber die eigentliche Handlung hat ihren Ort in der Sprache. Und weil der große Sprach-Denker Krasznahorkai in vier Fünfteln seines neuen Romans ganz offensichtlich zu sehr damit beschäftigt war, zwei notdürftig zusammengeschusterte Handlungsstränge ineinander zu knoten (einer spielt in New York, einer an verschiedenen Orten der klassischen europäischen Geschichte) und mit immer düsterer Philosophie zu verbinden, hatte er hier ganz offensichtlich nur noch wenig Zeit für seine Sprachphantasie.

Leider ist die einzige Atmosphäre, die durch eine Häufung von Figuren-Namen und Orten ensteht, noch immer die des letztlich bemühten Einerlei eines "postmodernen" Historienschinkens: Kasser, Falke, Bengazza und Toot, die Figuren aus dem Manuskript, werden, ob sie nun in Gibraltar oder irgendwo in der Antike sind, so wenig zu interessanten Figuren wie der geschäftige ungarische Dolmetscher und seine Geliebte in New York. Sie haben keine Chance sich einzuprägen, denn jede hastige neue Namens- und Situationsnennung verhindert die Wirkung der alten, die sich in der Phantasie des Lesers noch gar nicht aufbauen konnte. Das ist im Fall des Ewigkeits-Manuskripts besonders ärgerlich, denn Korim preist es ja an als den für ihn herausragendsten Text der Welt. Krasznahorkai macht den weltbekannten Fehler eines Freundes, der seine neue Freundin immer wieder begeistert-blumig preist, dem man zuhört, bis man sie sieht. Die Logik der Handlung allein wirkt zwar etwas konstruiert, doch letztlich stimmt sie: Weil Korim weiß, dass es schon unzählige Computer gibt, ist der neue Ort für die Ewigkeit seines Manuskripts das Internet. Ist der Text des alten Archivars dort einmal aufgehoben, kann er kaum mehr verloren gehen. Was Korim immer wieder dem Dolmetscher und vor allem dessen Geliebter in New York erzählt, ist die Story dieses Manuskripts, das er eigenhändig auf seine Homepage tippt.

Doch warum muss Korim dafür nach New York? Das Internet ist der ortloseste Ort der Welt. Auf dem Broadway kann man dort genauso weit von der Bronx entfernt sein wie in Budapest. Aber Korim hat auch, auf einmal, an einem einsamen Geburtstagsabend entdeckt, dass es um ihn herum, in der ungarischen Provinz, keine Schönheit gibt. Warum also nicht Weggehen, Reisen nach New York, ins Zentrum der Welt? Das klingt nicht unüberzeugend, doch weil Korim sich in New York nur um sein Manuskript kümmert, hätte er genauso gut zuhause bleiben können, zweihundertzwanzig Kilometer von Budapest entfernt. Je länger Korim von seinem Manuskript erzählt, desto unmotivierter wird seine "Emigration".

Der ganze "Satanstango" spielte in einem einzigen kleinen, verkommenen Dorf. Gegen diese Konstellation wäre auch hier nichts einzuwenden gewesen. Aber fast scheint es so, als hätte die Öffnung der Welt für Ungarn, der Gewinn an Bewegungsfreiheit für seine Figuren, den Romanen von Krasznhorkai paradoxerweise geschadet. Als "zeitgenössischer Schriftsteller" will er die Neue Welt, die er auch selber erlebt, für seine Bücher in eine neue Ästhetik verwandeln: "Urga" war unter anderem eine Reise nach China. "Krieg und Krieg" führt Korim in die entgegengesetzte Richtung, nach Westen. Auch hier neigt Krasznahorkai dazu, sich zwischen den Welten, die er selbst aufgebaut hat, zu verirren. Dabei wäre das, was ihn von neuen Reise-Global-Romanen abhalten könnte, ganz einfach zu formulieren: ein Blick in seine eigenen alten Texte.László Krasznahorkai: Krieg und Krieg. Roman. Ammann Verlag, Zürich 1999. 318 Seiten, 38 Mark.

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