Kultur : Lucian Freud: Entfaltung der Falten

Christian Huther

"Altmeister des Hautausschlags" höhnen die einen, "größter realistischer Maler der Gegenwart" jubeln die anderen. Aber zweifellos hat seit Rubens keiner so drastisch wie delikat gemalt. Lucian Freud, der 1922 in Berlin geborene Enkel von Sigmund Freud, emigrierte 1933 mit seinen Eltern nach England. Die Retrospektive im Frankfurter Museum für Moderne Kunst (MMK) mit fünfzig Bildern, Zeichnungen und Radierungen ist erst die dritte deutsche Einzelschau. Dass die deutsche Lucian-Freud-Rezeption trotz hoher Marktpreise so verhalten ist, liegt am Sujet - nackte Männer und Frauen, die verblühenden Landschaften ähneln. Denn Freud will den Betrachter irritieren, wählt ausgefallene Posen für seine Modelle und malt schonungslos jede Hautfalte. Seine "Nacktporträts" sind alles andere als erotisch. Doch für den Maler drückt sich Individualität im ganzen Körper aus. "Ich möchte", hat er gesagt, "dass die Farbe wie Fleisch wirkt." Von Freuds Kompositionen profitiert im MMK vor allem die Eingangshalle, die in einen unendlichen Raum verwandelt scheint. Die hohe Halle lässt auch die kühnen Bildperspektiven besser zur Entfaltung kommen.

Das Bild "Two Men" (1987/88) zeigt einen auf dem Bauch liegenden, nackten Mann; der daneben auf dem Rücken liegende, bekleidete Mann hat eine Hand auf den Unterschenkel des Nackten gelegt. Damit ist das Höchstmaß an öffentlicher Intimität bei Freud erreicht, menschliche Nähe kommt bei ihm kaum vor. Dabei widmete er sich dem Menschen-Bild schon in jungen Jahren, wie in Frankfurt das Gemälde "Girl in a green dress" von 1954 zeigt. Allerdings verweisen die frühen Werke mit der Linienbetonung und dem kühlen Stil auf die Neue Sachlichkeit; auch Surrealismus und Kubismus hinterließen ihre Spuren in Freuds Werk. 1958 tauschte er Zobelhaar- gegen Schweineborstenpinsel und malt seither entsprechend grob, entwickelt seinen Stil.

Besteht das "Night Portrait" (1985/86) noch aus vehementen Pinselschwüngen, sind jetzt die Pinselhiebe kurz und zerklüftet, so dass die Bilder kantig und unscharf wirken. Kaum erweitert hat sich sein Kosmos an vertrauten Modellen, die stundenlang bei grellem Licht ausharren. Eines der seltenen Auftragswerke, eine Radierung mit Wasserfarben, zeigt indes einen Mann im gelben Schlafanzug. Freud, ein regelrechtes Arbeitstier, suchte Lord Goodman zum Porträtieren auf, als dieser noch zu Bett lag. Zum Radieren kam Freud erst 1982. Lange überwog die Skepsis, ob er die stofflich fehlende Farbe durch Strichvariation auffangen könnte. Doch Freud erreicht in den Grafiken fast plastische Qualität, indem er mit der Nadel in die Tiefe geht. Als Radierer dürfte Freud eine Entdeckung sein. Fast allen Porträtierten aber ist eigen, dass sie die Augen mehr senken als den Betrachter anzuschauen. Auch der Künstler macht beim Selbstportrait von 1996 keine Ausnahme.

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