Kultur : Luciano Pavarotti: Warum ist der Tenor so dick?

Jörg Königsdorf

Gehören Sie zu den Menschen, die für die langweiligen Nachmittage des Lebens immer ein paar etwas angejahrte Yellowpress-Zeitschriften im unteren Fach eines Beistelltischchens bereit halten? Wenn ja, dann legen Sie "Drei Tenöre und ein Sopran" am besten gleich dazu, denn auf den 288 Seiten ihrer Memoiren plaudert Ilse Elisa Zellermayer scheffelweise Klatschgeschichten und Hintertreppengeheimnisse aus der Welt der großen Opernsänger aus, der Welt, der sie selber über dreißig Jahre lang als erfolgreiche Konzertagentin angehört hat.

Wussten Sie, dass Mirella Freni okkultistische Neigungen hat? Wollen Sie wissen, weshalb Luciano Pavarotti so dick ist? Warum Rita Streich immer bündelweise Hundertmarkscheine in ihrer Handtasche hatte? Ilse Zellermayer erzählt all diese Indiskretionen mit einer entwaffnenden Unbefangenheit, mutmaßlich ist das Büchlein ein Destillat zahlloser Teetisch-Plaudereien, die Coautor Thomas Karlauf zu halbwegs zusammenhängenden Kapiteln geordnet hat. Doch der Charme von "Drei Tenöre und ein Sopran" liegt gerade in seinem heillosen Durcheinander. Als säße man selber bei Frau Zellermayer auf dem Sofa, wird man mit Geschichten überschüttet, die vom Hundertsten ins Tausendste gehen, in denen sich die eigene Biographie mit dem Privatleben ihrer Schützlinge unentwirrbar verknäuelt. Wohl auch, weil es für Ilse Zellermayer den Unterschied zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre nie gegeben hat: Als Kind eines Hotelbesitzers geboren, wuchs Klein-Ilse im Hotel am Steinplatz auf, einem der ersten Häuser im Berlin der Zwischenkriegszeit, erlebte Krieg, Wiederaufbau des halbzerstörten Hotels und das allmähliche Entstehen gesellschaftlichen Lebens in West-Berlin hautnah mit, bevor sie Anfang der sechziger Jahre den eigenen Berufswunsch Opernsängerin an den Nagel hängte und statt dessen Deutschland-Agentin der rising stars der Mailänder Scala wurde. Von alledem gibt "Drei Tenöre und ein Sopran" kurze Impressionen, ohne an irgendeinem Punkt in die Tiefe oder ins erzählerisch anschauliche Detail zu gehen - gern hätte man beispielsweise mehr über die Berliner Szene der fünfziger Jahre, die sich im Künstlerlokal "Volle Pulle" des Hotels traf, erfahren, gern auch ein wenig mehr über die Nachkriegsjahre des Berliner Opernlebens. Zellermayer erzählt ihr Leben, als würde sie durch Hotelflure, Flughäfen und Künstlergarderoben eilen, nett, oberflächlich und hin und wieder mit ein paar Foyerweisheiten über Operngesang angereichert. Ihr das zu verübeln, hieße das Buch schlichtweg zu wichtig zu nehmen. Und langweiligere Nachmittage hat sicher jeder schon verbracht.

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