Lucinda Williams live in Berlin : Schotterstimme und Vollgasriffs

Americana-Meisterin Lucinda Williams gab im ausverkauften Berliner Kesselhaus ein mitreißendes Konzert.

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On the road again. Musikerin Lucinda Williams.
On the road again. Musikerin Lucinda Williams.Foto: Promo

Die Hauptgruppe Buick 6 ist auch die Vorgruppe. Zunächst ohne ihre spätere Vorsteherin und Hauptattraktion Lucinda Williams geben sie ohne Gesang schon mal die instrumentale Stimmung des Abends vor: Schmutzig hookerig, bluesriffig, und laut. Gezaust von stürmischen Tagen als Tourband.

In zerzaustem Blond, sonst ganz in Schwarz, mit tief ausgeschnittener Bluse, engen Jeans und halbhohen Stiefeln, steht nach längerer Pause endlich Lucinda Williams vorne, wobei ihr Gesang und ihr Song "Protection" untergehen in den hochschwappenden Wogen ihrer tosenden Band. "I'm like a fish out of the water" singt sie in "Can't Let Go", scheint ganz langsam zu Kräften zu finden und sich stimmlich allmählich mit den kräftigen Fingerhakeligkeiten ihres Gitarristen Stuart Mathis messen zu können.

Der stellt die langen Streichholzbeine überkreuz, gibt immer wieder Vollgas mit dem Wah-Wah- oder Volumenpedal und rattert kratzige Riffs in eine weiße SG Special mit P90-Pickups, derart verzerrt, dass Lautsprechermembranen und Trommelfelle flattern. Doch immer wohldosiert zur rechten Zeit, dazwischen zarte, klare Country-Ornamentierungen: "Metal Firecracker".

David Sutton spielt dazu einen elegant hüpfend tänzelnden Bass, den Fender Precision fürs Knallige, einen Old Kraftsman fürs Ruhige. Während Butch Norton hinterm Schlagzeug sitzt, mit Hut und kurzen Hosen, wie auf einem Campingstuhl, den Rhythmus rührt und schüttelt. Gerührt ist Williams vom Geburtstagständchen aus dem gedrängten Auditorium. Ach ja, sagt sie grinsend: 63, nicht zu glauben.

Ganz alleine, nur mit ihrer Gibson J-45, singt sie den Titelsong ihres neuen Albums "The Ghost Of Highway 20". Und greift noch einmal den amerikanischen Mythos der großen staaten- und geschichtenverbindenden Straßen auf. In der Tradition von Bobby Troups "Route 66", Bob Dylans "Highway 61" und Jack Kerouacs "On The Road". Mit einem kräftigen Schottern in der Stimme, wie Autoreifen auf Kies. Dazu hat sie sich eine hübsche traditionelle Folkmelodie ausgeliehen, die sich auch Dylan schon vor Jahrzehnten geborgt hatte. Lucinda singt von Schmerz, Sehnsucht, Verlangen, Enttäuschungen. "Compassion" ist eine berührende Vertonung eines Gedichts ihres Vaters, des Poeten Miller Williams, der vor einem Jahr gestorben ist, "Factory" die bewegende Version eines Springsteen-Songs vom neuen Album.

Beim Finale mit "Rockin In The Free World" singen alle mit

Lucinda Williams wird immer besser im Laufe des Abends, leidenschaftlicher, wacher. Und kann jetzt mühelos den lang donnernden creamig gehendrixten - und im neuen Song "Dust" in der Art von Jerry Garcia skalierten - Gitarrensoli ihre gefühlvoll krächzige Stimme entgegensetzen. Wie Vintage-Kinks klingt nach zwei Stunden der Clash-Song "Should I Stay Or Should I Go". Aber sie bleiben noch für zwei Songs, bevor sie gehen. Nach dem wunderbar einakkordigem "Joy" lässt Neil Youngs "Rockin In The Free World" das ganze Kesselhaus singen. Blumen. Happy Birthday. Großer Jubel.

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