"Lucio Silla" an der Komischen Oper Berlin : Gewalt und Güte

Ein Diktator, der freiwillig abdankt, wo gibt's den sowas? Die Komische Oper Berlin bringt Mozarts „Lucio Silla“ konzertant auf die Bühne.

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Karolina Gumos macht Reklame für die konzertante Aufführung von "Lucio Silla" der Komischen Oper Berlin.
Karolina Gumos macht Reklame für die konzertante Aufführung von "Lucio Silla" der Komischen Oper Berlin.Foto: Gunnar Geller

Roms Geschichte ist durchfurcht von Potentaten und Alleinherrschern. Caesar, Nero, man kennt sie. Eher vergessen ist, dass sich schon früher, in der Endphase der Republik, einer zum Diktator aufgeschwungen und Grausamstes verübt hat: Lucio Silla. Mozart vertonte seine Geschichte auf ein Libretto von Giovanni de Gamerra 1772, da war er 16. Ein Jugendwerk also, doch was heißt schon Jugendwerk bei Mozart? Trotz mancher Schematismen lassen einen der melodische Einfallsreichtum, die Dramatik, die Reife, die in der Partitur stecken, bass erstaunt zurück. Die Komische Oper Berlin hat das dem sehr prominenten Komponisten zum Trotz nur selten aufgeführte Stück jetzt in konzertanter Fassung vorgestellt, wie bereits 2014 „Il Re Pastore“. Es sind Testballons – man traut sich noch nicht, diese Stücke auch zu inszenieren. Haben sie Erfolg, kann das ja noch kommen.

Konzertant, das heißt: Arien, Chor und von Mozart bereits orchestrierte Rezitative. Die eigentliche Handlung muss dem Publikum vermittelt werden. „Tatort“-Kommissarin Mechthild Großmann übernimmt die Aufgabe. Im roten Sessel, bräsig, berlinerisch, ein bisschen rotzig, mit rauchgeschwängerter Stimme, braucht sie nur ein Wort zu sagen – „Rom“ –, und hat sofort jedermanns Aufmerksamkeit. Nicht ohne Humor säuselt sie später, nachdem sich Sängerin Mirka Wagner wegen einer nicht auskurierten Grippe von der Bühne verabschiedet hat: „Hier wäre jetzt ihre Arie gewesen.“ Nur vom Blatt ablesen, das sollte sie besser nicht.

Die Geschichte? Diktator Silla will Giunia heiraten, die Tochter seines verstorbenen Erzfeindes. Aber die ist schon mit Senator Cecilio verbandelt – den Silla in die Verbannung geschickt hat. Dazu kommt noch Celia, Sillas Schwester, die Cecilios Freund Cinna liebt. Viele Namen, die alle gleich klingen – war das eigentlich Absicht des Librettisten? Dass bis auf den Diktator selbst alle Rollen von Frauen gesungen werden, macht die Sache nicht einfacher. Wichtiger aber ist sowieso die Musik. Erste Kapellmeisterin Kristiina Poska dirigiert einen feurigen, rustikalen, angriffslustigen Mozart, schärft lustvoll die Kontraste, dehnt und staucht die Tempi souverän. Alle Ohren richten sich auf die russische Sopranistin Olga Pudova, die die zentrale Figur der Giunia singt: technisch nahezu perfekt. Und doch kommt wenig Gefühl rüber: maschinell klingt ihr Sopran, frei von Emotionen, ohne die Verzweiflungs- und Liebesschübe, die diese Frau eigentlich rütteln müssten.

Ganz anders das Ensemblemitglied Karolina Gumos als Cecilio: Mit organisch geführtem und äußert sinnlichem Mezzo kitzelt sie das Äußerste an Dramatik aus Mozarts Partitur heraus. Julia Giebel überrascht in der kleinen Rolle der Celia, aus deren angeblich so „scheuem Mund“ herrlich präzise, scharf gesetzte Töne dringen. Höhepunkt: das Terzett im Finalakt, in dem Mozart die unterschiedlichen Temperamente der Beteiligten mit seinem so unerhörten Gespür für alles Menschliche musikalisch nachzeichnet. Lothar Odinius bewährt sich als einziger Sänger in der Titelrolle des cholerischen Silla – der völlig unerwartet am Ende alle jenen vergibt, die ihn ermorden wollten, und sich aufs Land zurückzieht. Was der historische Silla tatsächlich getan hat. Ein plötzlich gütiger Herrscher, der gerade im Machtverzicht seine volle Machtfülle beweist – das Sujet war im Habsburgerreich populär. Mozart mag sich noch kurz vor seinem Tod, in „La clemenza di Tito“, daran erinnert haben.

noch einmal am 13. Mai, 19.30 Uhr

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