Lucy von Jacobi : „Spritzig, spritzig, spritzig“

Sie musste sich durchkämpfen in einer Männerdomäne, die großen Artikel schrieben die Kollegen. Ein Sammlung ihrer Kritiken und Reportagen ehren jetzt die Kulturkritikerin Lucy von Jacobi.

Christina Tilmann
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Lucy von Jacobi, hier um 1928, war einer der ersten Feuilletonredakteurinnen beim Berliner Ullstein-Verlag. -Foto: Franz Pfemert, Privatbesitz

Sie war eine der ersten Feuilletonredakteurinnen beim Berliner Ullstein-Verlag. Eine Festanstellung, das bedeutete 1928 den Ausweg aus finanzieller Not, aber auch den täglichen Kampf in einer Männerdomäne. Okay, die großen Filmkritiken schreiben die Kollegen, Manfred Georg und Hanns G. Lustig. Ihr blieben, unter Pseudonymen wie Lot, Miraflor, Kittie oder Billie, klassische „Frauenthemen“ wie Mode, Schönheit, Körperpflege und eine tägliche Rubrik „Das gute Aussehen“. Und doch ist Lucy von Jacobi Ende der Zwanziger „eine der beschäftigsten und geschätztesten Redakteurinnen“. Und hat sich dem Stil des Hauses angepasst: „Spritzig, spritzig, spritzig“.

Eine Sammlung ihrer Filmkritiken, Reiseberichte, Reportagen ist nun in der Cineastenreihe „Film & Schrift“ herausgekommen (edition text und kritik 2009, 21 €). Die Kunsthistorikerin Irene Below hatte 1964 in einem Antiquariat in Florenz Teile des Nachlasses gefunden, Manuskripte, Belegexemplare, aber auch Notizhefte und Tagebücher. Am heutigen Donnerstag wird Lucy von Jacobi in der Mendelssohn-Remise vorgestellt.

Redakteurin bei „Tempo“ – da war die Tochter Wiener Juden schon 41, und hatte schon ein Berufsleben hinter sich. Schauspielerin in Berlin, Hamburg und München, Ehefrau des Schauspielers Bernhard von Jacobi, dann stirbt 1914 der Sohn an einer Lungenentzündung, der Mann fällt im gleichen Jahr im Krieg, und sie muss neu anfangen. Und verlegt sich aufs Schreiben, für die „Schaubühne“, für den Rundfunk, daneben Übersetzungen und Erzählungen, ein mühsames Geschäft, bis die Festanstellung für einige Jahre Entspannung bringt. 1933 dann das Ende, die Entlassung bei Ullstein, die Emigration über Prag und Florenz, wo sie kurzzeitig eine Pension führt, in die Schweiz. In Cureglia im Tessin überlebt sie den Krieg, stirbt 1956 in Locarno.

Schon 1932 hatte sie in einer Kritik gewarnt: „Jungens, Jungens, die ihr diesen Film seht: Es ist nicht immer so im Krieg! Nicht in allen Dorfwirtshäusern unter Blütenwolken erwarten euch verliebte Prinzessinnen. In Gaskriegen kann es auch manchmal ein bisschen anders kommen. Jungens, die ihr diesen Film seht: Schaut vorwärts, um Gottes willen! Seht, was auf euch zukommt.“ Christina Tilmann

Lucy von Jacobi, Hommage, heute 19.30 Uhr, Mendelssohn-Remise, Jägerstraße 51.

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