Kultur : Lügen der Liebe

So einen Abend müßte man anders entdecken.Vielleicht, wenn man schlaflos durch die Stadt schlendert.In irgendeinem Schaukasten irgendeiner Bar fände man ein Foto, auf dem vier Sängerinnen um ein Piano stehen.Plötzlich interessiert, ginge man hinein, und wenn man nach zwei Stunden wieder in die Nacht stolperte, dann sage man sich: "Hey, das war gar nicht schlecht.Das war viel besser, als schlaflos durch die Stadt zu schlendern."

Aber so? Wo seit Wochen die "Diva Gut"-Plakate an jeder Wand hängen? Wo jeder Vorbericht, jedes Interview suggeriert: "Achtung! Die Kleinkunstpremiere des Jahres!"? Als der Vorhang im Hebbeltheater sich hebt, stehen vier dunkelrot bezogene Diwane auf der Bühne.Im Hintergrund befinden sich ein Herd, ein Kühlschrank und eine fünfköpfige Band mit Terry Truck am Klavier.Nacheinander treten auf: Die nörgelige Susanne Betancor, die kühle Cora Frost, die burschikose Mouron und Georgette Dee, die sich langsam auf ihre Rolle als komische Alte vorzubereiten scheint.

Nach dem schmissigen Auftrittslied beginnt das, was wohl eine Rahmenhandlung sein soll.Die vier fläzen auf den Diwanen, essen Sushi und zicken einander an.Damit ist das Konzept des Abends umrissen: Singen - als Solo, als Du-, Terz- oder Quartett -, dann anzicken, dann wieder singen.Was den Gesang angeht, gelingt der Abend hervorragend.Cora Frost singt das "Lügenlied" - in dem eine Frau von ihrer Zufallsbekanntschaft fordert, sie um der Erfüllung der Liebe willen die ganze Nacht lang zu belügen - daß man heulen möchte.Mouron gelingt mit "Les trois Cloches" eine eindrucksvolle Edith Piaf-Interpretation.Und alle zusammen schmettern den Disco-Kracher "Ring my bell", bis das Publikum sich dich Bäuche hält.Die Rahmenhandlung hingegen bremst den Abend immer wieder bis gegen Null herunter.Dabei gibt die Regie reichlich Zunder: Rosen und Federn regnen herab.Diaprojektionen gaukeln über die hintere Bühnenwand.Ein unmotivierter Statist stakst immer wieder vorbei.Auch die Vier sparen nicht mit Effekten: Sie tollen auf den Sofas herum oder erschießen einander mit Platzpatronen.All das kann aber eines nicht verdecken: Diese vier großen Sängerinnen sind zusammen kein Quartett.Sie mindern sich gegenseitig in ihrer Wirkung, wo eingespielte Formationen einander stärken würden.Die Betancon sagt einmal: "Ein Chanson ist wie das Leben / ist wie ein Bier / meist mit Klavier".Dieser Gedanke ist bei "Diva gut" verlorengegangen.Am Ende: Jubel.Aber es ist nicht zu übersehen, daß der Anteil derer, die sich zu Ovationen erheben, sich die Waage hält mit denen, die aufstehen, weil sie nach Hause wollen.

KNUD KOHR

Bis zum 2.Januar, Di bis So, 20 Uhr

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