Kultur : Lügen Sie sich wieder hin!

Saisonauftakt in Hamburg: Thalia Theater und Schauspielhaus in klassischer Eintracht

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Von Ulrike Kahle

Es treffen sich: Miss Sara Sampson, Nora und der Menschenfeind. Es winkt Ost-West. Sie wollen alles: modern sein, die Nase vorn am Zeitgeist angepappt, und die verschreckten Zuschauer wieder locken mit Klassischem wie der jugendliche Intendantenstürmer Tom Stromberg am Schauspielhaus. Oder mit Furor verführen, reizen, gar verunsichern wie Intendantenprofessor Ulrich Khuon am Thalia. Hamburger Saisonstart mit schönen, alten Stücken von Anno 1666, 1755, 1879. Und mit einer Uraufführung: Armin Petras inszeniert sich selbst im Thalia in der Gaußstraße, und weil er so begehrt ist, liefert er demnächst auch dem Schauspielhaus etwas Neues.

Zeichen einer unheimlichen Annäherung. Schimpfte man anfangs auf die sorglose Vorwärts- und Seitwärts-Prescherei ohne Rücksicht auf Zuschauerverluste von Neu-Intendant Stromberg, kann man jetzt eher das Gegenteil beklagen. Das Thalia wird elegant und publikumswirksam rechts überholt, jedenfalls mit der Eröffnungspremiere, Molières „Menschenfeind“. Ein Klassiker der Gesellschaftskritik, mäßig modern aufbereitet, mäßig amüsant.

Edgar Selge, Lena Stolze, Samuel Weiss, dazu die prächtige Christiane von Poelnitz - selten so harmlos gesehen. Doch vielleicht hat das Methode? Im Hamburger Herbst ist der Menschenfeind angekommen in der Spaßgesellschaft, ein Einfältiger, auch er bloß Poseur, der sich seine Einzigartigkeit, seine Identität durch Bissigkeit und Undiplomatie erringen will und kläglich scheitert. Edgar Selges Beschwörung der Wüste als Befreiungsort fern gesellschaftlicher Heuchelei - da flattert er kläglich über die Bühne, zeigt zu absichtlich den künstlichsten Moment seines Menschenfeindes, der weit zurückbleibt hinter seinen Möglichkeiten.

Gespielte Bravheit? Danke. Die Bühne ist anfangs leer, eine Teppichwüste, natürlich füllt sie sich, prächtig erst mit falschen Blumen, dann toten Tieren, falschen Früchten, einem üppigen Haufen falscher Esswaren, seltsamerweise hier gebraucht zum Sitzen. Zuletzt senkt sich ein zartgoldenes Gitter mit vergoldeten Glühlampen herab, die Gesellschaft, ein Gefängnis, Das sind so kluge Einfälle von Stephane Laim, die man trotz ihrer Schönheit nicht ganz bewundern kann, Achtung: symbolisch! Wie das Bühnenbild kranken auch die Inszenierungen des Jan Bosse an ihrer Durchschaubarkeit. Eine Gesellschaft von öden Langweilern, mehr oder weniger komisch.

Hier könnten ohne Weiteres auch Ibsens Nora und Ehemann Torvald mitspielen, die Regisseur Stephan Kimmig am Thalia mit psychologischer Feinmechanik letztlich doch nur in erstklassigen Fernseh-Realismus versetzt hat. Wieder geht es um Lügen, diesmal nicht einer gegen alle, sondern in der kleinsten gesellschaftlichen Zelle, der Ehe. Die traut verlogene Ehe von Nora wird bedroht von unheilvoll schrägen Gestalten, kontrastiert vom sterbenden Doktor und Hausfreund. Christoph Bantzer als Dr. Rank ist kurz angebunden, trocken , umweht vom Schmerz des Todgeweihten.

Kimmig schafft es, mit Kleinigkeiten in Auftritt und Gebärde die Figuren seiner Schauspieler ins Extrem zu treiben, und doch – wo ist das Problem? So up to date mit Fernsehen, Zigarette und Knabbergebäck Susanne Wolff als moderne Nora auch daherkommt und ankommt – der Publikumsandrang ist enorm –, Noras Konflikt um ihre Lüge aus Liebe wird dadurch klein, Helmers Verdammung seiner Frau unglaubwürdig. Die wirkliche Tragödie ist nicht Gehen oder Bleiben in Noras Puppenheim – sie scheint übrigens zu bleiben –, sondern der angekündigte Tod, die unerfüllbare Liebe des Doktors. Und Christoph Bantzer, schmal und zurückhaltend zugeknöpft in seinem Tweedmantel, wird wie von selbst zum Zentrum der Inszenierung. Denn er fühlt wirklich.

Hundertzwanzig Jahre vor Ibsens Nora lebte Lessings „Miss Sara Sampson“. Am Thalia trennen sie ein Woche und eine Welt. Auch hier ein Konflikt, der so nicht mehr ist: Mädchen geht ihrem liebenden Vater mit Mann durch, der zögert, sie zu heiraten: gesellschaftlicher Ruin. Moralische Verdammung. Ihre Nebenbuhlerin vergiftet sie. Postmortale Verzeihung und Erlösung. Andreas Kriegenburg verwandelt Lessings erstes bürgerliches Trauerspiel in einen Unterwasser-Alptraum. Ihm gelingt ein Aufheben der Zeit durch Zeigen von Stagnation, von Perpetuierung. Ein Traumraum, dunkel, grün, schimmernd, eine Drehbühne mit vier Bildern, jeweils zwei Seiten des gleichen Interieurs, spiegelverkehrt. Zwei Seiten der Medaille, zwei Frauen drehen sich um einen Mann, Mellefont, suchen in seiner Liebe das Leben. Lady Marwood (Natalie Seelig) und Miss Sara (Maren Eggert), die eine verrucht, böse, liebend, die andere rein, aufopfernd, liebend. Mellefont (Helmut Mooshammer) schwankt, zwischen den Frauen, ist schwankend in sich, ein schlaffer Stadt-Indianer im Unterholz der Besitzansprüche. Lessing in reduzierter Form, sehr marthalerisch, expressiv, in feuchten Wänden, einem Zwischenreich ohne Entkommen.

„Zeit zu lieben Zeit zu sterben“: Leichte Benommenheit bleibt nach dem Stück von heute, von Regisseur Armin Petras (unter seinem Autoren-Pseudonym Fritz Kater). Auch hier wird Realität übersetzt, in wie geträumte Erinnerung, in Sprache. Eine Runde Ostkids erzählt eine Pubertät, einander ins Wort fallend im typisch atemlosen Kater-Ton, schrecklich abgeklärt und verklemmt, schaurig pubertär. Dann eine Familien- und Schulgeschichte, danach eine verzweifelt schiefgehende Liebe, jetzt im Westen. Eine Zweierkonstellation, die trotz Fritzi Haberland und Milan Peschel merkwürdig uninteressant bleibt.

Intendanten brauchen Zeit, bis eine Stadt sich an sie gewöhnt und umgekehrt. Tom Stromberg scheint die Zeit genutzt zu haben, niemand rüttelt mehr an seinem Stuhl, und die Zuschauer haben schöne neue Stühle bekommen. Mehr Beinfreiheit! Nachbar und Konkurrent Ulrich Khuon, der sich gleich gut im Thalia eingefunden hat, zieht das Publikum problemlos mit mit seiner Mischung aus bewährt Extremem und angenehm Modernisiertem. Etwas politischer könnte es gern werden, das Theater in Hamburg.

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