Kultur : Lügen um der Wahrheit willen

Ismet Prcic sucht in seinem Debütroman „Scherben“ nach der bosnischen Heimat.

Volker Sielaff

Solide heißt das Wort, das im letzten Viertel dieses Buches einen herb-ironischen Geschmack zurücklässt, „mir gefällt, dass die Welt in Büchern solide ist und sich das Leben der Figuren von Kapitel eins über Kapitel zwei und so weiter bis zum Ende voran bewegt.“ Der das in sein Tagebuch schreibt, hält sich mit abgelaufenem Touristenvisum illegal in Zagreb auf und wartet auf Papiere, die es ihm ermöglichen sollen, zu einem Onkel in die Vereinigten Staaten einzureisen. Solide: Das dürfte auf den jungen Mann wechselweise wie blanker Hohn oder helle Verheißung wirken, denn seit dem Irrsinn eines europäischen Krieges lässt sich seine Biografie bestenfalls aus Fragmenten zusammensetzen.

Diesen Umstand macht sich der 1977 in Tuzla (Bosnien-Herzegowina) geborene Autor Ismet Prcic zunutze, indem er daraus das Kompositionsprinzip seines Debütromans „Scherben“ ableitet. „Jeder hat eine Lebensgeschichte, für die es keine fertige Form gibt, in die sie passen würde“, hat Prcic in einem Interview gesagt – und nach einer Form für sein chaotisches Leben gesucht. Unterschiedliche Schriftarten, das Spiel mit kursiv gesetzten Passagen und eingerückten Abschnitten und sogar eine leere Seite mit einem auf dem Kopf stehenden Satz stehen als Ergebnis seiner formalen Überlegungen zu Buche.

Alles beginnt für seinen Helden, der denselben Namen wie der Autor trägt, in einem KLM-Flieger voller aufgeregter bosnischer Flüchtlinge und mit frühen Erinnerungen. Eine Kapitelüberschrift verweist auf den „frühen Kummer“ des Helden, und mit Kummer, man ahnt es, wird er sich arrangieren müssen. Da ist zum einen sein etwas breit ausgewalzter Liebeskummer, zum anderen der schwerer wiegende Kummer der Heimatlosigkeit.

Prcic, der heute am Clark College in Portland, Oregon, Theater unterrichtet, hat aus Versatzstücken seines Lebens einen Roman montiert, der viel über das Befinden eines Kriegsflüchtlings zu erzählen weiß: „Du wachst mitten in der Nacht auf. Es ist so ein Aufwachen, das dich fertig macht: Der Alptraum ist noch so lebendig, dass er dir fast real erscheint, der Wachzustand noch zu verschwommen, um dir Sicherheit zu geben.“ Seine erste Flucht führt Ismet, zusammen mit seiner Familie, noch zu Verwandten nach Kroatien, mit einem der letzten Busse, die die Brücke nach Kroatien überqueren, bevor sie explodierend in die Sava stürzt.

Seine zweite Flucht unternimmt er allein. Als der 18-Jährige Gelegenheit bekommt, mit einer Theatergruppe nach Schottland zu reisen, kehrt er wie viele andere nicht in seine Heimat zurück. Die innere Beschreibung seines Helden, seiner Fieberanfälle und Zusammenbrüche, ist eine der Stärken dieses Buches, in dem der Krieg erst durch eine zweite Figur sichtbar wird. Ismet, der Flüchtling, beobachtet den Krieg von außen; aber Mustafa wird in ihn verwickelt, er erlebt die Gräuel des Krieges unmittelbar. Erschütternd und bizarr zugleich ist die Geschichte eines Tschetniks, der eines Tages vor Mustafa im Schützengraben steht und sich ergeben will. Mustafa hält ihn zuerst für eine Halluzination. Aber als er begreift, was los ist, überstellt er den feindlichen Kämpfer an seinen Offizier. Der jedoch ist betrunken und hat auch gerade keinen Sinn für den feindlichen Überläufer. So geht es hin und her in einem fast surreal anmutenden Wortwechsel, der die ganze Absurdität dieses Krieges entlarvt.

Bis zum Schluss bleibt unklar, ob Mustafa eine Erfindung des an einer posttraumatischen Belastungsstörung leidenden Ismet ist, der von seinem Therapeuten aufgefordert wurde, seine Geschichte niederzuschreiben. Am Anfang, so Ismet zu Dr. Cyrus, habe er versucht, alles Unwahre rauszustreichen, „aber irgendwie wurde die Erzählung dadurch weniger wahr.“ Lügen, Schreiben, beides wird für Ismet zur Rettung, die Fiktion zu einem Anker. „Es tut mir leid, alles, was ich dir schreibe, ist gelogen“, heißt es im Tagebuch an die Mutter.

Sie ist in Tuzla geblieben, psychisch labil, der Sohn nennt sie zärtlich mati. Er habe, schreibt er ihr einmal, für alles zwei Ansichten: eine A-Seite, die amerikanisch sei, und eine B-Seite, die bosnisch sei. Im fernen Amerika hat er mit wachsenden Ängsten zu kämpfen, und von seinem Leben dort erfährt der Leser auch fast nichts. Melissa, die amerikanische Geliebte, bleibt erstaunlich blass (und verlässt ihn schließlich). „Scherben“ ist ein Buch der Erinnerung, des Blicks zurück in Richtung verlorene Heimat.

Nicht zufällig nimmt die erste Liebe, die Ismet in der Gegenwelt des Theaters kennenlernt, breiteren Raum ein. Das Theater scheint der einzige Ort zu sein, wo wirklich seine Persönlichkeit gefragt ist. Asja heißt das Mädchen, Asmir der Leiter der Theatergruppe, der trotzig die Freiheit der Kunst gegen jeden Versuch ideologischer Beeinflussung vertritt.

Prcic versucht mit seinem Roman erst gar nicht, dem Leben seines Protagonisten einen tieferen Sinn zuzuschreiben. Überleben ist alles. „Wo bist du? Lebst du?“ fragt ihn die Mutter in einem Brief. Sie habe Lamm mit Okra gemacht, das Gericht, das er doch so gern esse. Wer ist tot, wer lebendig? Auch das lässt Prcic am Ende offen, als sei das eine wie das andere nur ein Zufall.

Das dritte und letzte von Ismets Notizbüchern findet die Polizei in San Diego. Es sei, so der Autor, zugleich als sein Testament zu betrachten. Der wirkliche Prcic erklärt, wie von Izzy alias Ismet in seinem letzten Willen festgelegt, füge er in seinen Roman einen Auszug dieses Notizbuches ein. Es ist nicht zuletzt dieses amüsante Spiel mit postmodernen Rollen, das den Roman über sein ernstes Thema hinaus zu einem gelungenen Debüt macht. Volker Sielaff

Ismet Prcic:

Scherben. Roman. Aus dem Englischen von Conny Lösch. Suhrkamp Verlag,

Berlin 2013.

442 Seiten, 21,95 €.

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