Kultur : Lügen und andere Wahrheiten William Boyd erfindet den Künstler Nat Tate

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Die Geschichte ist zu gut, um wahr zu sein. Das tragische Schicksal des Malers Nat Tate, der in den fünfziger Jahren als abstrakter Expressionist in New York reüssiert und auf dem Höhepunkt seiner Karriere von der Staten Island Ferry in den Hudson springt, hätte das Zeug, in die Kunstgeschichte einzugehen. Bekannt mit Picasso, befreundet mit Braque und vorübergehend Liebhaber von Peggy Guggenheim, hat sein Lebenslauf Fixpunkte, die aufmerken lassen. Nur existiert von seinem Werk nichts mehr, bis auf wenige Ausnahmen, die dem selbstzerstörerischen Furor des Künstlers im Atelier kurz vor dem Suizid entgangen sind. Ein solch rares Nat-Tate-Bild will David Bowie besessen haben; zumindest erklärte das der Popsänger 1998 bei einer Party zur Präsentation der in seinem Verlag erschienenen Biographie. Wer wollte da noch Zweifel hegen?

Die knapp siebzigseitige Erzählung dieses traurigen Künstlerlebens mit Fotografien aus dem Familienalbum und Bildern von Berühmtheiten, die Tate getroffen haben soll, wurde zur schönsten Betrugsgeschichte der letzten Jahre. Ihr Verfasser: der Schriftsteller William Boyd. Die New Yorker Kunstwelt hätte sich genauer erkundigen sollen, was der Autor sonst noch für Romane schreibt. Vielleicht wären die Galeristen, Sammler, Kritiker und Künstler, die auf der Bowie-Party glaubhaft erklärt hatten, Nat Tate wäre ihnen durchaus bekannt, darauf gestoßen, dass die Erfindung von Biographien, das Einfühlen in Lebensgeschichten eine Spezialität des britischen Schriftstellers mit ghanaischen Wurzeln ist.

So hatte der fiktive Künstler ein reales Nachleben. Am wenigsten mag wohl Jeff Koons daran erinnert werden, in dessen New Yorker Studio die Party damals stattgefunden hat. Doch nun feiert Nat Tate seine nächste Wiederauferstehung. Der Berlin Verlag, der Boyds Bücher in Deutschland veröffentlicht, hat nun auch die deutsche Übersetzung des schmalen Bändchens übernommen und ließ sie vergangene Woche in der Galerie Sprüth-Magers durch William Boyd persönlich vorstellen. Im Gespräch mit Holger Liebs, dem Chefredakteur der Kunstzeitschrift „Monopol“, erzählte Boyd, wie es sich als Fälscher wider Willen lebt. Die wenigen Zeichnungen und Gemälde, die es von seiner Figur gibt, stammten schließlich von seiner Hand. „Ich könnte alles über Nat Tate erzählen, und es ist wahr“, beschrieb er sein Vergnügen mit den „schönen Lügen“. Seine Biographie ist ein Glanzstück und demonstriert die Macht des Romans genauso wie den Wunsch des Lesers nach Verführung. „Paradoxerweise birgt die Fiktion größere Wahrhaftigkeit“, so Boyd.

Die Idee zu Nat Tate, der letztlich ein mittelmäßiger Künstler war und sich aus Verzweiflung darüber das Leben nahm, kam ihm nicht von ungefähr in den neunziger Jahren, als der Kunstmarkt-Boom irrwitzigste Preise produzierte. „Du kannst alle betrügen, nur nicht dich selbst“, warnte William Boyd noch und lobte dann Damien Hirst als cleveren Mann, aber schlechten Maler. Seinen Platz in der Kunstgeschichte aber würde Hirst haben. Nat Tate allerdings muss ihn räumen. Nicola Kuhn

William Boyd:

Nat Tate. Ein amerikanischer Künstler 1928-1969. Aus dem Englischen von Chris Hirte. Berlin Verlag, 96 Seiten, 24 €.

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