Kultur : Lügen und Geheimnisse

RALPH GEISENHANSLÜKE

Was ist Wahrheit? Mit dieser Frage haben sich Generationen von Philosophen beschäftigt und meist nur Relatives gefunden.Auch der Regisseur Brian De Palma gibt keine letztgültigen Antworten.Er demonstriert, aus wie vielen verschiedenen, subjektiv gefärbten Fetzen mit Glück ein Flickenteppich entsteht, der etwa den Tatsachen entsprechen könnte."Spiel auf Zeit" ist aber kein erkenntnistheoretischer Essay, sondern ein verwirrender Krimi.

Eine Boxarena in Atlantic City.Ein Boxer kämpft um den Weltmeistertitel im Schwergewicht.Unter den 14 000 Zuschauern ist ein prominenter Fan: der Verteidigungsminister.Höchste Sicherheitsstufe.Aber der ziemlich verluderte Cop Santoro (Nicolas Cage) hat eigentlich andere Sorgen: Er versucht, mit Wetten Geld zu machen.Seine Geliebte braucht dringend einen Pelzmantel zum Geburtstag.Santoro trifft auf seinen ältesten und besten Freund Dunne, der in seiner properen Uniform das glatte Gegenteil von Santoro verkörpert: loyal, korrekt, pflichtbewußt.Dunne ist Sekretär des Verteidigungsministers.Daß diese scheinbar klaren Gegensätze nicht sind, was sie scheinen - darauf beruht der Spannungsbogen.

Der Kampf beginnt.Auffallend schnell läßt sich der Champion niederstrecken.Schüsse fallen, der Minister ist tödlich getroffen.Der Täter ebenfalls.Ein Palästinenser mit Abschiedsbrief in der Tasche, gestellt von Dunne.Santoro, der bis dahin pflichtvergessene Cop reißt die Ermittlungshoheit an sich, läßt die Ausgänge der Halle sperren, denen das panische Publikum entgegenstürmt.

Zuerst knöpft er sich den Boxer vor - doch der ist nicht unbedingt der Hauptverdächtige.Santoro beschwert sich über den verlorenen Wetteinsatz.Und schon wird aus dem korrupten Bullen ein hartnäckiger Frager, der auch die anderen Zeugen des Attentats mit entlarvender Intuition zum Reden bringt.De Palma zeigt das Attentat aus vier verschiedenen Perspektiven - hinzu kommen die Aufzeichnungen diverser Überwachungskameras.Die wichtigste Zeugin, die Frau mit der blonden Perücke, die kurz vor den Schüssen mit dem Verteidigungsminister sprach, hat ihre Brille verloren, und die Kamera zeigt ihre Version des Geschehens mit einer Unschärfe von schätzungsweise minus fünf Dioptrien.Auch sie will etwas verschweigen, sich möglichst aus der Liste der Verdächtigen streichen lassen.De Palma läßt seinen Antihelden Santoro das Knäuel von Lügen und Verwirrungen aufdröseln.Am Ende wird er den unbequemen Weg wählen, er wird auf ein hohes Schmiergeld verzichten und statt dessen sein Leben riskieren, um eine Verschwörung ans Licht zu bringen.Ein Verschwörung, bei der alle nur mitspielen wollten, damit das Geld in die richtige Richtung fließt.

"Spiel auf Zeit" zeigt eine klassische Katharsis.Saulus Santoro, dessen psychologischer Hintergrund vor allem durch seine ständigen Handy-Gespräche skizziert wird, wandelt sich zum Paulus-Typ eines aufrechten Ermittlers, dem die Wahrheit über alles geht.So weit so gut.Aber warum Brian de Palma diese schnörkellose, konventionelle Inszenierung noch mit einem schlapppen Nachklapp versehen muß, in dem der Bulle die attraktive Hauptzeugin abkriegt - das bleibt sein Geheimnis.Vielleicht tat er es, um den Suchenden zu belohnen.Vielleicht tat er es aber auch, weil Gleichungen in Hollywood am liebsten ohne Rest aufgehen.Manchmal ist die Wahrheit eben banal.

Alhambra, Astra, Cinemaxx Potsdamer Platz, Cinestar Hellersdorf, Filmbühne Wien, Kinocenter Spandau, Kosmos, Spreehöfe, Rollberg, Royal, Thalia, UCI Friedrichshain und Gropius-Passagen, Zoo Palast; Kurbel (OV)

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