Kultur : Luft, Berliner!

Bewerbungsschreiben für die Unesco: Das Bauhaus-Archiv zeigt Siedlungen der zwanziger Jahre

Michael Zajonz

Die Hoffnung ging baden, und das bei schönstem Sonnenschein. Als Harry Graf Kessler 1930 Besuch von Aristide Maillol bekam, führte der deutsche Kulturaristokrat den französischen Bildhauer durch Berlins Schwimmbäder. In Kesslers Tagebuch heißt es dazu: „Ich erklärte ihm, dass dieses nur ein Teil eines neuen Lebensgefühls, einer neuen Lebensauffassung sei, die in Deutschland nach dem Kriege siegreich vorgedrungen sei, man wolle wirklich leben, Licht, Sonne, Glück, seinen eigenen Körper genießen. (...) Eine andre Äußerung dieses neuen Lebensgefühls sei die neue Architektur, die neue Wohnkultur.“

Kesslers Optimismus ist zeittypisch, seine Verbindung von Jugend- und Körperkult zur Architektur aufschlussreich. Das „Neue Bauen“ der Weimarer Republik stand als Symbol eines allgemeinen gesellschaftlichen Aufbruchs. Eben: Licht, Sonne – und viel frischer Wind. Um 1930 schien sich der neue Geist selbst in der Wahrnehmung eines so skeptischen Zeitgenossen wie Kessler endgültig durchgesetzt zu haben. Drei Jahre später war alles vorbei.

In Berlin entstanden in diesen wenigen, politisch einigermaßen stabilen und wirtschaftlich halbwegs prosperierenden Jahren zwischen dem Ende der Inflation und der Weltwirtschaftskrise neue Geschäftsbauten, Sportstätten, Verkehrsknotenpunkte – und vor allem neue Großsiedlungen am Stadtrand. 800 000 Wohnungen fehlten damals allein in der größten Mietskasernenstadt der Welt. Die Weimarer Verfassung hatte erstmals das Recht auf menschenwürdigen Wohnraum festgeschrieben. Um die soziale Katastrophe einzudämmen, griffen so prominente Architekten wie Walter Gropius oder Bruno Taut zum Stift. Heute wissen wir: Gesundes Wohnen für alle blieb vorerst ein Traum, die neuen „Arbeiterwohnungen“ waren für Arbeiter viel zu teuer und wurden von Angestellten bezogen.

Oft haben Reformsiedlungen der zwanziger Jahre den Bombenkrieg relativ unbeschadet überstanden: wegen ihrer peripheren Lage und der lockeren Bebauung. Noch immer wohnen dort zehntausende Mieter. Im vergangenen Jahr hat die Deutsche Unesco-Kommission im Auftrag der Kultusministerkonferenz sechs vorbildliche Berliner Reformsiedlungen, zwischen 1913 und 1934 gebaut, für den Eintrag in die Welterbeliste der Unesco nominiert. Um die Bewerbung zu unterstützen, macht nun eine Ausstellung des Berliner Bauhaus-Archivs mit den ausgewählten Baudenkmalen bekannt: der Gartenstadt Falkenberg in Treptow, der Siedlung Schillerpark im Wedding, der Hufeisensiedlung Britz, der Wohnstadt Carl Legien in Prenzlauer Berg, der Weißen Stadt in Reinickendorf sowie der Großsiedlung Siemensstadt. In Zusammenarbeit mit dem Landesdenkmalamt versucht die Ausstellung zu erklären, warum gerade diese sechs den Welterbestatus verdienen. Schließlich gibt es in Berlin weitere architektonisch vorbildliche und denkmalpflegerisch mustergültig sanierte Beispiele wie die Waldsiedlung Zehlendorf.

So richtig nachvollziehbar wird der Auswahlprozess, der schon über zehn Jahre zurückliegt, durch die Ausstellung nicht. Stattdessen hat das Bauhaus-Archiv mittels historischer Pläne und Fotos sowie einiger neuer Modelle einen klassischen architekturgeschichtlichen Überblick zusammengestellt, der leider wie eine Pflichtübung wirkt. Dabei hat sich das Haus schon einmal, 1984, in einer Ausstellung mit dem Thema befasst. Damals ging es um erste sichtbare Erfolge bei der Restaurierung der West-Berliner Siedlungen, ohne die die aktuelle Bewerbung wohl ohnedies chancenlos wäre.

Statt eines Katalogs legt die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung nun die Druckfassung der offiziellen Berliner Unesco-Bewerbung vor, die im Januar 2006 in Paris abgegeben wurde. Text und Aufbau folgt den strengen formalen Vorgaben der Unesco, angereichert durch zahlreiche Fotos und Pläne. Ob und wann die Bewerbung Erfolg haben wird, steht in den Sternen. Berlins Landeskonservator Jörg Haspel immerhin glaubt, „dass unser Antrag ganz oben auf der Agenda steht“. Zwar habe Berlin mit der Museumsinsel und der BerlinPotsdamer Schlösserlandschaft bereits zwei Welterbestätten. Doch zu den Lücken der in den letzten Jahren inflationär gewachsenen Unesco-Liste zählt die Moderne. Nur knapp drei Prozent unter 851 Einträgen würdigen Denkmäler aus dem 20. Jahrhundert.

Die ausgewählten Berliner Großsiedlungen stehen, Pars pro Toto, nicht nur für ihre zukunftsweisende architektonische und gärtnerische Gestaltung, sondern auch für eine in der deutschen Geschichte bis dato einmalige soziale Wohnungspolitik. 1924 führte die Republik eine Immobiliensteuer ein, deren Erlöse der Förderung öffentlichen Wohnungsbaus zugutekamen, als Gegenmodell zur privatwirtschaftlichen Bau- und Bodenspekulation. Martin Wagner, Berlins Stadtbaurat zwischen 1926 und 1933, stand für diese Politik.

Inzwischen werden die Karten auch bei den Eigentumsverhältnissen der Berliner Siedlungen neu gemischt: Die Wohnungsgesellschaft Gehag, als gemeinnützige Heimstätten AG einst von der Kommune gegründet, wurde 1998 privatisiert. Zwischenzeitlich im Besitz einer US-Investmentgesellschaft, gehört sie seit wenigen Wochen zu 85 Prozent einer ehemaligen Immobilientochter der Deutschen Bank. Die Mieten dürften unweigerlich steigen, in der Britzer Hufeisensiedlung werden Reihenhäuser verkauft. Das Erbe des sozialen Wohnungsbaus gehört offenbar zum Tafelsilber, das die Kommunen vorschnell verscherbeln. Da wäre auch ein Unesco-Welterbe-Prädikat nur ein schwacher Trost.

Bauhaus-Archiv, Klingelhöferstraße 14, bis 8. Okt. Dokumentation zur Unesco-Bewerbung (Verlagshaus Braun) 29,80 Euro, Kurzführer im Museum 5 Euro, im Buchhandel 7 Euro.

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