Kultur : Luft holen und lächeln

„Emils“ Zeichner: der Illustrator Walter Trier wird wiederentdeckt

Christian Schröder

Berlin, Sinfonie einer Großstadt. „Diese Autos! Sie drängten sich hastig an der Straßenbahn vorbei; hupten, quiekten, streckten rote Zeiger links und rechts heraus, bogen um die Ecke; andere Autos schoben sich nach. So ein Krach! Und die vielen Menschen auf den Fußsteigen! Und von allen Seiten Straßenbahnen, Fuhrwerke, zweistöckige Autobusse! Und hohe, hohe Häuser.“ Erich Kästner lässt den minderjährigen Titelhelden seines Buches „Emil und die Detektive“, den es aus dem Provinzkaff Neustadt zum ersten Mal in die Reichshauptstadt verschlägt, in spätexpressionistisches Staunen und Schwärmen verfallen. So viel Verkehr! So viel Lärm! Und so viele Ausrufezeichen!

Das Buch erschien Ende 1929, auf dem Höhepunkt der Roaring Twenties . Doch vom Getöse des Zeitalters ist auf dem Titelbild, das Walter Trier für den Band lieferte, nichts zu spüren. Da herrscht atemlose Stille. Keine Spur vom großstädtischen Autoverkehr, man blickt auf die Ecke eines großen, fast menschenleeren Platzes. Fast leer, denn Emil und einer seiner Detektive stehen hinter einer Litfaßsäule und schauen, den Rücken neugierig vornübergebeugt, Herrn Grundeis hinterher, dem Dieb mit dem steifen Hut und abstehenden Ohren. Grundeis, der Emil im Zug 140 Reichsmark gestohlen hat, sieht nicht wie ein Dieb auf der Flucht aus. Entspannt spaziert er, eine Zigarette zwischen den Lippen, an einer Schaufensterfront entlang.

Der Clou des Bildes: Würde Grundeis jetzt scharf links abbiegen, stünde er seinem eigenen Erfinder gegenüber. Trier hat das Café Josty am Potsdamer Platz, Kaiserallee, Ecke Trautenaustraße, zur Kulisse seiner Verfolgungsszene gemacht. Auf der mit einer Markise überdachten Terrasse saß Kästner im Sommer 1929 und schrieb „Emil und die Detektive“. „Es wirkte damals sehr beruhigend auf mich, das Personal der Geschichte auch geographisch in meiner Nähe zu wissen“, erinnerte er sich später. Dass Kästners erstes Kinderbuch ein spektakulärer Erfolg wurde, hat es nicht allein der Qualität des Textes, sondern auch seinem signalgelben Einband zu verdanken. Die erste Auflage war in wenigen Wochen vergriffen, schon 1930 drehte Billy Wilder die erste Verfilmung, rasch erschienen – mitsamt den Zeichnungen – Übersetzungen in zwanzig Sprachen. Heute gilt das „Emil“-Cover als berühmtestes Kinderbuchtitelbild der Welt, eine Art Mona Lisa der Illustrationskunst.

Walter Trier, lange halb vergessen, wird endlich angemessen gefeiert: mit einer Retrospektive im Wilhelm-Busch-

Museum in Hannover und einem prachtvollen Bildband. Trier hat 14 Kinderbücher von Kästner illustriert, darunter Klassiker wie „Das doppelte Lottchen“ oder „Pünktchen und Anton“. Doch als der „Emil“ entstand, war Kästner noch ein weitgehend unbekannter Café-Dichter und Trier bereits ein Star. Der Sohn eines Prager Handschuhfabrikanten zog 1910, gleich nach seinem Münchner Kunststudium, nach Berlin, wo er mit Karikaturen für die „Lustigen Blätter“ und die Satirezeitschrift „Uhu“ und hinreißenden Titelblättern für „Die Dame“ zu – so der Kritiker L. Fritz Gruber 1929 – „Deutschlands größtem Zeichnerhumoristen“ aufstieg. Nebenbei inszenierte er dadaistische Trickfilme und entwarf Bühnenbilder für Max Reinhardt.

Trier stammte aus einer jüdischen Familie, er emigrierte 1936 über Frankreich und England nach Kanada. Als er 1951 starb, erinnerte Kästner an den Ruhm des Zeichners in der Weimarer Republik: „Wer, im damaligen Berlin, mit Ziffern im Kopf, stupide vom Lärm der Stadt, durch die Straßen hetzte und am ersten Kiosk einen ,Trier‘ sah, blieb stehen, holte Luft und – lächelte. So hat Walter Trier sein Leben lang das Lächeln unter die Menschen gestreut.“ Das klingt, als sei Trier ein Meister harmloser Heiterkeit gewesen. Er hat aber auch die Abgründe des 20. Jahrhunderts abgebildet. Im englischen Exil zeichnete er Himmler als „Engel des dunklen Zeitalters“ mit blutigem Beil und Hitler, der über ein Gebirge von Totenköpfen kraxelt.

Die Retrospektive im Wilhelm-Busch-

Museum Hannover läuft bis zum 3. September. Der Begleitband, erschienen im Atrium-Verlag, kostet 39,90 €.

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