Kultur : "Luftfische": Jagdszenen

Jörg Plath

"Lene war dreizehn, kein Kind, auch wenn dreizehn kein Alter ist" - damit beginnt kein glückliches Buch. Dreizehn ist ein Dazwischen. Dort hält sich Lene in Anke Velmekes Debüt "Luftfische" auf. Den prügelnden Dachdeckervater hält sie durch ein Gleichgewicht des Schweigens in Schach, über die Brüder hält sie die Hand, und die Mutter ist ihr immerhin als depressiv verhärmtes Opfer des Vaters nahe. Der Schrecken herrscht in diesen unterkühlten Jagdszenen aus der kleinbürgerlichen Familie. Nähe entsteht nur aus der Angst vor dem Vater. Anke Velmeke erzählt davon in einer aufgerauten, atemlosen Sprache. Naives mischt sich mit Begriffenem, eigene Sprachschöpfungen mit Konventionellem: Das "Badezimmer würde zum Schwimmbecken werden, wenn die Frau so weiterduschte und immer nur duschte, ein Aquarium, mit Fraufisch und Paulfisch und Lenefisch, die sehr heiter und geradezu fröhlich, seepferdchengleich, durcheinander schwämmen, sich gegenseitig mit dem Duschkopf besprühten und im letzten und allerletzten Moment, kurz bevor der Mann die Tür aufbräche, durch den Abfluss in kühle Kanäle entkämen." Im Unterschied zu Birgit Vanderbekes Demontage des Vaters in "Muschelessen" herrscht in "Luftfische" nur bedrückende Gegenwart. Anke Velmeke bleibt Lene nahe und diese unfähig zur Introspektion. Erstaunlicherweise ändert sich daran nichts, als Lene älter wird und einen Liebhaber hat. "Luftfische" macht nach einem gelungenen Auftakt den Eindruck, als seien verschiedene Erzählungen aneinander gereiht worden, um einen Roman zu erhalten. Ihn sollte Anke Velmeke jetzt wirklich schreiben. Einen eigenen Ton besitzt sie schon.

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