Luftgitarre : Kampfsport mit Kraftakkorden

Rock ’n’ Roll, so rein wie nie: Bei der sechsten deutschen Meisterschaft im Luftgitarrenspiel brannte die Luft.

H. P. Daniels
Bullwinkel
Bremen, lass dein Baby jaulen. Cristobal Bullwinkel in Aktion. -Foto: David Heerde

Was ist eigentlich eine Luftgitarre? So fragt sich der Uneingeweihte beim Anblick des Plakates zur „6. Deutschen Luftgitarrenmeisterschaft“. Auf jeden Fall sind damit nicht diese aufblasbaren Dinger in Gitarrenform gemeint, die fürs Schwimmbad taugen, nicht aber für eine ernsthafte Luftgitarrenmeisterschaft. Laut den Statuten der „German Air Guitar Federation e. V.“ darf die echte Luftgitarre weder aus Holz noch aus Plastik noch aus anderen feststofflichen Materialien bestehen. Aus Luft soll sie sein, das heißt: imaginär. Ein Instrument für jedermann, leicht zu erlernen, ein wahres Volksinstrument.

Eine Menge Volk strömt ins Lido, den Kreuzberger Rockschuppen, der sonst nur echten Gitarristen mit echten Gitarren vorbehalten ist. Und tatsächlich stimmt eine Band mit echten Instrumenten und selbst erzeugtem, grandiosem Lärm auf die Unechten ein. Gerrit Meijer, Gitarrist des punkigen Kraftrock-Trios PVC, spielt eine rote Telecaster mit derartiger Flinkfingrigkeit, dass sich ein ehrgeiziger Luftgitarrist einiges von ihm abgucken könnte.

Aber dann kommen die Luftgitarristen. Angesagt von Thorsten Buhl, dem Moderator des Abends, wie Kämpfer im Boxring. Sie nutzen die freigeräumte Bühne: keine Verstärker, kein Schlagzeug, nichts außer ihrem Körper, ihrer Präsenz. Mut gehöre dazu, so lehrt eine philosophische Schule des Luftgitarrismus, sich einfach hinzustellen vor eine johlende Menge, sich so preiszugeben. Dieser pure Ausdruck der Persönlichkeit, der in höchster Vollendung schließlich zu Befreiung und Reinigung von Geist und Seele führe.

Doch neben dieser Art von Zen gibt es auch profanere Richtungen. Eine „Beerformance“ etwa, bei der „Effe, die Schlange“ den prolligen Deppen mit ärmelloser Kutte, Mütze, Glatze und Bierbüchse mimt. Vorwiegend wird das Posen-Repertoire der Vorbilder aus dem Heavy-Metal-Genre abgerufen: Windmühlenflügel, geballte Fäuste, gespreizte Finger, Kraftakkorde, Knierutscher, Luftsprünge, Luft-Tritte.

Die 17 Teilnehmer sind aus ganz Deutschland angereist: aus Niedersachsen, Bayern, Bremen, Brandenburg, Berlin, aus Poimoissl und Kunreuth. Genau eine Minute Zeit bekommt jeder von ihnen zur Demonstration seines Könnens. Ein Dicker mit rosa Top und freiem Schwabbelbauch zappelt zu Hardrock. Seine Luftgitarre allerdings stellt höchste Anforderung an die Fantasie des Zuschauers. Überhaupt wirken etliche Instrumente bizarr in Form und Design.

Dasjenige der Rockabilly-Interpretin Sissy Saussage im bunten Petticoat macht eher den Eindruck einer Ukulele: klein und hochgehängt. Andere Luftgitarren sind von extremer Biegsamkeit, mit knot- und knetbarem Wabbelhals. Und die gespielten Töne stellen kühn die Harmonien auf den Kopf. Oben wird zu unten. Es geht drunter und drüber und rundherum. Es wird gesprungen, gegrätscht, gezuckt. Kampfrichter bewerten wie beim Eiskunstlauf, mit hochgehaltenen Nummerntafeln: „Vierkommaneun. Fünfkommadrei. Fünfkommaeins.“ Das Publikum johlt und buht.

Was ist das eigentlich für eine Disziplin? Kampfsport? Ausdruckstanz? Pantomime? Kabarett? Clownerie? Gay Disco Dance? Kinderei? Oder einfach nur absurder Blödsinn? Von allem ein bisschen, abhängig auch vom jeweiligen Interpreten. Der erste weltbekannte Luftgitarrist dürfte der Engländer Joe Cocker gewesen sein. Die Film-Dokumentation vom Woodstock-Festival zeigt, wie er sich 1969 beim Singen von „With A Little Help From My Friend“ ekstatisch auf einer elektrischen Luftgitarre begleitet.

Heute ist die Technik natürlich fortgeschritten. Manche Teilnehmer derwischen derart furios über die Bühne, dass sie darüber ihr Gitarrenspiel vergessen. Bei anderen sieht es so aus, als kraulten sie eher ihr Luftgenital. Überaus beliebt sind der Einsatz von nacktem Oberkörper, langen Haaren, Hüfte und Zunge. Leni Kravitzkowsky, deutsche Meisterin von 2005, wälzt sich auf dem Boden und wallt mehr mit ihren hüftlangen Haaren als mit der imaginären Gitarre.

Originell ist „Mel from Hell“, bei der man zunächst Hartes erwartet, aber was kommt dann? Eine Akustik-Luftgitarre, die einzige des Abends, und dazu „Ein bisschen Frieden“ von Nicole. Bis schließlich doch Wildes durchknallt: Haare, Hüfte, Zunge. Dick Tracey hat seine Begleitkonservenmusik selbst gemacht: ein quietschender Koffer, aus dem er die Luftgitarre nimmt, sich umhängt, kurz losknattert und das unsichtbare Instrument schließlich zu krachenden Splittergeräuschen zerhackt.

Lustig auch Geeky Gisbert, der mit Krawatte und Pullunder auf schüchternen Klassenprimus macht, dann aber schwer loslegt mit roboterhaften Zuckungen und der einzigen Linkshänderluftgitarre im Wettbewerb. The Devil’s Niece kommt im kleinen Schwarzen und mimt zusätzlichen Luftgesang. Heart Buckboard, zweimaliger Deutscher Meister, kommt als Michael Jackson im schwarzen Anzug, mit Mundschutz und umgebundenen weißen Engelsflügeln. Er spielt ein kleines Intro auf dem Luftklavier, donnert dann furios auf die unsichtbare Gitarre.

In der zweiten Runde müssen die zehn weitergekommenen Kandidaten noch mal je eine Minute zu einem Song performen, der vorher nicht bekannt war. Und wieder macht Heart Buckboard aus Berlin das Rennen. Er gewinnt eine echte Gitarre und darf im August zur Weltmeisterschaft nach Oulou in Finnland fahren. Zum großen Finale rocken alle gemeinsam ab, unter tosendem Jubel. Näher kann man wirklich nicht rankommen an den Ruhm eines Rockstars, wenn man eigentlich gar keiner ist.

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