Kultur : Luftgitarre

H.P. Daniels

ROCK

In den Siebzigern waren Dr. Feelgood mit dem Gitarristen Wilko Johnson und Sänger Lee Brilleaux eine der besten Live-Bands des britischen Rhythm’n’Blues-Revivals. Über Jahre gaben sich dann Feelgood-Musiker die Klinkenstecker in die Hand, bis schließlich nur noch Brilleaux von der Urbesetzung übrig war. Der Sänger starb 1994 an Kehlkopfkrebs. Zwar gab es irgendwann eine Art Dr. Feelgood-Revival-Band mit Peter Gage als Sänger, doch der ist auch nicht mehr dabei. Wer also sind jetzt diese Typen hier im Quasimodo? Sie legen los mit einem alten Feelgood-Kracher. Ein kleiner Sänger im schwarzen Anzug und dunkler Sonnenbrille versucht böse dreinzuschauen wie einst Brilleaux, bemüht sich dessen manisch kantige Bewegungen nachzuahmen, den irren Blick, den rohen Gesangsstil. Gelingt nicht ganz. Bass und Schlagzeug etwas schlapp und schlabbrig. Aber dann ist da noch dieser Gitarrist: weißes Hemd und schwarze Weste, Flasche Bier und Telecaster, Starkstromgitarre. Aus der wringt er aggressive Riffs, rhythmische Sturzbäche. Wird immer besser. Sirren und Surren. Klirren und Knurren. Wo ist der Sänger hin? Auch der Bassist ist gegangen. Der Drummer folgt. Der Gitarrist, ganz alleine auf der Bühne, wird immer besser, zerrt und würgt am Gitarrenhals, zieht und rupft Töne aus den Saiten. Laute, leise, klare und verzerrte. Bis die anderen zurückkommen. Und plötzlich sind sie wie ausgetauscht: Hochdruckrocknroll. Der Gitarrist treibt sie an. „Back...in...the...night“ stakkatiert der Sänger. Und vor der Bühne ein wildes Geschüttel von Matten und Platten. Großer Jubel, und irgendwann ist es auch egal, dass dieses Unternehmen außer dem Repertoire nichts mit den Ur-Feelgoods zu tun hat. Den Namen des Gitarristen merken wir uns: Steve Walwyn.

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