Kultur : Lufthoheit

Als kämen sie vom Mars: Die geheimnisvollen Sars-Erreger machen uns klar, wie gefährlich die Atmosphäre einer globalisierten Welt werden kann. Aber es gibt keine saubere Lösung. Auch nicht in einer anderen Kampfzone: New York will alle Raucher zur Gesundheit bekehren

Kai Müller

Fangen wir mit einem Verrückten an: Die Psychologin Kathryn Railly wird zu einem verwirrten Mann gerufen, den die Polizei aufgegriffen hat, ohne dass er sich ausweisen oder auch nur angeben kann, wo er wohnt. Nachdem es fünf Beamter bedurfte, um ihn zu bändigen, kauert er, an Händen und Füßen arretiert, in einer Zelle. „Ich muss gehen“, fleht er, „ich sammle Informationen.“

„Was für Informationen?“

„Das wird ihnen auch nicht helfen. Es wird niemandem mehr helfen und auch nichts ändern.“

„Wissen Sie, warum Sie hier sind?“, will Doktor Railly wissen.

„Weil ich gut bin und ein gutes Gedächtnis habe.“ Dann, plötzlich, wirft er seinen Kopf zurück und atmet tief ein: „Das ist wundervoll. Die Luft. Sie ist so frisch. Keine Keime.“ Dort, wo er herkommt, gibt es das nicht.

Wenn man sich angesichts von Sars-Erregern, Ebola-Fieber oder Anthrax-Attacken immer öfter an Szenen aus dem Endzeitdrama „Twelve Monkeys“ erinnert, dann liegt das nicht nur an der biblischen Furcht vor epidemischen Seuchen. Vielmehr macht uns der Film von Terry Gilliam bewusst, wie verletzlich wir sind, nur weil wir atmen. Auch dort beginnt alles mit einer harmlosen Grippewelle – bis die Leute zu sterben beginnen. Die letzten Überlebenden ziehen sich unter die Erde zurück und versuchen, die Infektionsspur zu rekonstruieren. Dass die Erdmenschen schließlich ausgesuchte Kundschafter (gespielt von Bruce Willis) mit einer Zeitmaschine in die Vergangenheit zurückschicken, hat nur den Zweck, den Infektionsherd zu lokalisieren. Aus ihm wollen Wissenschaftler dann einen Anti-Virus entwickeln.

All das prophezeit der Verrückte. Aber es glaubt ihm natürlich niemand. Warum auch? Würden wir an ein gigantisches Mordkomplott glauben, nur weil in Hongkong, Hanoi, Singapur und Toronto gerade ein paar Leute sterben?

Virus-Epidemien sind für Verschwörungstheoretiker das, was Terror-Angriffe für Generäle sind: In einer immer unübersichtlicheren und vernetzteren Welt halten sie an der Vorstellung fest, dass jede Katastrophe eine Ursache haben muss. Und zwar nur eine, so dass eine Absicht erkennbar wird, die entschlüsselt werden kann. Doch nicht nur die rhizomische Verbreitung von Viren passt schlecht zu diesem Kausalitätsprinzip. Es erfasst auch nicht die Anfälligkeit des menschlichen Organismus, der nirgendwo empfindlicher getroffen wird als in seinen Atemwegen.

Dabei können Terror und Luftklima durchaus eine unheilvolle Verbindung eingehen, wie Giftgas-Angriffe und Bio-Waffen beweisen. Nach dem 11. September klagten viele New Yorker über akute Atembeschwerden. Die einstürzenden Türme des World Trade Centers hatten eine beißende Staubwolke aufgewirbelt, die sich über die ganze Stadt verteilte und noch wochenlang als Geruch in der Luft lag. Die Bürger der Metropole waren gezwungen, mit den Schuttpartikeln auch die pulverisierten Reste ihrer Mitbürger einzuatmen. Und man kann sagen, dass Terror genau dieses Ziel verfolgt: Er zerstört die Lebensbedingungen einer Gemeinschaft, indem er deren Umwelt in die Kriegsführung mit einbezieht.

So hat kürzlich der Kulturphilosoph Peter Sloterdijk in seinem Buch „Luftbeben“ (Suhrkamp Verlag) den deutschen Giftgas-Einsatz im Ersten Weltkrieg als Geburtsstunde des Terrorkriegs beschrieben: Als am 22. April 1915 eine Chlorgas-Wolke auf die kanadisch-französischen Infanteriestellungen im Ypern-Bogen zutrieb, wurde nicht der Gegner direkt attackiert, sondern das Umgebungsklima, in dem er lebte. Die Soldaten sahen eine gelbliche Nebelwand auf sich zutreiben, wurden von Hustenkrämpfen geschüttelt, spuckten Blut und schrien nach Wasser. Die Schützengräben, die eben noch als Schutzfurchen gegen Granatsplitter und Kugeln dienten, waren zum „unlebbaren Milieu“ geworden. Und Sloterdijk fährt fort: „Die Gewohnheit zu atmen wird so gegen die Atmenden gekehrt, dass diese durch die Fortsetzung ihres elementaren Habitus zu unfreiwilligen Komplizen ihrer Zerstörung gemacht werden.“

Dieses Muster des Umweltkrieges ist seither zum festen Bestandteil einer Militärstrategie geworden, wenn sie Armeen nicht mehr im Feld besiegen kann. Stattdessen richtet sie ihre Vernichtungsenergie gegen die vitalen Bedürfnisse der Gesellschaft selbst. Ab 1942 wird der „chemische Krieg“ durch Luftflotten in feindliche Städte getragen. Stabbrandbomben verwandeln die durch Sprengminen aufgerissenen Straßenzüge in Glutöfen. Und es ist bezeichnend, dass die meisten Opfer des alliierten Bombenkriegs dadurch ums Leben kommen, dass sie in den Kellern und Bunkern an Rauchgasen ersticken. Zur gleichen Zeit will das Nazi-Regime den Exekutionskommandos an der Ostfront das massenhafte Erschießen der jüdischen Bevölkerung „ersparen“ – und geht zur Vergasung mit ZyklonB über.

Heute, in einer von Klimazonen und Klimaanlagen, von Luftschächten und Ventilatoren durchmischten Atmosphäre, die durch globalisierte Verkehrsmittel einem ständigen Austausch unterliegt, ist Atemluft mehr denn je zur Ressource geworden. Dabei erleben wir die Begrenzteit dieses vitalen Rohstoffs nur im Augenblick seiner Vergiftung oder der Infiltration mit Killerviren. Noch ist uns der Gedanke fremd, dass es zu wenig keim- und sporenfreie Luft geben könnte. Denn wir begreifen sie als etwas, das unserer Existenz schlechthin vorausgesetzt ist. Dabei ist sie bloß ein Geschenk. Als der Gott der Genesis dem Erdklumpen Leben einhauchte, entstand die Menschheit – indem sie einatmete.

Wieviele Reiche, wieviele Kulturen hat die Welt schon untergehen sehen, die Phönizier und Sumerer, die Inkas, die Azteken. Und ein wenig später dann verschwanden jene Männer mit Hut und dem Bourbon zur Hand und einem blonden Gift gegenüber, das seinen Gin kippt, während der Mann nur ein Wort sagt, „Feuer?“ – und schon lodert die erste Glut.

Das war die Welt der Chandlers und Hammetts. Doch keine Lauren Bacall bläst mehr spöttisch ihrem Marlowe alias Bogart eine kleine Wolke ins Gesicht, bis der, zum Scherz oder zum Kuss, auch mal die eigene Zigarette aus dem Mundwinkel nimmt. Das ist vorbei, das gibt es tatsächlich nur noch im Kino, seit unterm blauen Himmel von Kalifornien der blaue Dunst an öffentlichen Orten verboten ist. Arizona, der Wüstenstaat, galt da noch als eine der letzten Raucheroasen – und dazu noch ganz im Osten, fast schon im alten Europa, ein paar wunderbare Restaurants und Kneipen und Clubs und Bars: Das war einmal in New York.

Aber nun hat der republikanische Bürgermeister Bloomberg auch diese Sünde verboten. Also herrscht in New Yorks Gastronomie der Nichtraucherzwang, was bei Abstinenten oder unfreiwilligen Mitrauchern als neue Frischlufthoheit begrüßt wird. Wer bisher allerdings am doppelt lasterhaften Zusammenhang von Alkohol und Nikotin ein gewisses (uraltes) Gefallen fand, der fragt – in lokalen Sendern und Zeitungen –, wieviel „Bürgerrechte“ und Liberalität man in Amerika noch einschränken wolle. Derweil einem hiesigen Beobachter bei der Vorstellung, dass Manhattans Nachtleben sich jetzt in einer komplett raucherfreien Zone abspielen soll, auch der Gedanke kommt, dass das Wort „Zone“ schon immer einen Beiklang von Wahrheit hatte.

Andererseits hat „rauchfrei“ nicht nur die Unfreiheit zu rauchen im Sinn. Sondern die allgemeine und individuelle Gesundheit, wobei jede Gefährdung der letzteren die Allgemeinheit sehr viel Geld kostet. Weil aber das Wohl der Tabakwirtschaft mitsamt der Tabaksteuer gleichfalls dem Wohl der Allgemeinheit dient, ist das Problem nicht nur als moralisch-philosophische Frage nach dem Verhältnis von Tugend und Terror vertrackt. Neben dem Beglückungszwang steht ja der Gesundheitsdrang. Indes hat Bürgermeister Bloomberg die protestierenden New Yorker Gastwirte gerade zu beruhigen versucht: Es seien auf Dauer keine Umsatzrückgänge zu befürchten, weil die Leute „jetzt eben mehr trinken“ würden. Das ist nun wahrlich ein verblüffender Wechsel der Kampfzone: Die Front wird so von der Lunge an die Leber verlegt. Auch das gehört zu der in Zeiten der Prohibition (oder Bigotterie) besonders blühenden Doppelmoral – hier hat man’s sarkastisch und offiziell zugleich.

Man könnte nun auch mit Verkehrs- und Verbrechensstatistiken operieren. Man könnte statt an die Opfer des Alkohols an die Folgen der offenbar unveränderlichen amerikanischen Waffengesetze denken. Oder ein bisschen ironischer, doch nicht weniger gesundheitsbewusst (weil mit Blick auf Millionen übergewichtiger US-Bürger) ein Verbot des US-Burgers fordern. Hier käme dann mit der Ächtung des Fast Food auch ein ästhetischer Aspekt ins Spiel; allerdings hätte so viel kulinarisch-hygienische Tugend in Millionen Familien Kinderaufstände und Jugendterror zur Folge.

Und irgendwie wollen wir ja auch die unverwechselbaren Weltkulturen verteidigen. Hier gehören in amerikanischen Romanen und Filmen die Burger-Szenen in Diners und Drive-Ins genauso dazu – wie Bogey und Bacall rauchend und saufend in der Schwarzen Serie. Wie New York mit seinen smokenden Psychiatern und Stadtneurotikern, wie Paul Austers auch filmisch in „Smoke“ und „Blue in the Face“ verewigtes Brooklyn, wie Tom Waits von „Whisky and Cigarettes“ bluesraunende Stimme. Und wie ein Höhepunkt der ur-amerikanischen Kultur und Geschichte: die Erfindung der Friedenspfeife. Peter von Becker

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