Kultur : Luftnummer

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Christina Tilmann über Jeff Koons’

Gummireifen für Hamburg

Christo hat es vorgemacht, als er nach jahrelangem Streit den Berliner Reichstag verhüllte. Auch Niki de SaintPhalle schuf 1966 in Stockholm eine ungewöhnliche Milchbar im Bauch einer riesigen liegenden Frauenskulptur; der Eingang lag zwischen den Schenkeln der Frau. Geschmacklosigkeit, politische Verunglimpfung, Skandal, hieß es damals. Und immer wieder: Das ist keine Kunst. Und doch standen sie nachher alle Schlange, die Kritiker, die Politiker, die Sittenwächter. Mehr als 100000 Besucher sahen Nikis „Hon“ in Stockholm, fünf Millionen besuchten den verhüllten Reichstag und feierten Volksfeste auf der Wiese.

Nun sorgt Jeff Koons, das große Spielkind unter den Künstlern, in Hamburg für Aufregung. Er plant, am Eingang der Reeperbahn eine von zwei je 110 Meter hohen Kränen getragene Skulptur zu platzieren, die wahlweise an einen Oberlippenbart oder an geöffnete weibliche Schenkel erinnern. Bunte, 20 Meter hohe Schwimmreifen schmücken das Stück, das im Herbst realisiert werden soll (für 4,3 Millionen Euro). Kultursenatorin Dana Horakova, die mit dem Ziel angetreten war, Christo nach Hamburg zu holen, hat mit Jeff Koons einen vergleichbaren Coup gelandet. Und wieder funktionieren die Reflexe: Bürger empören sich über die Disneykunst – von über 400 Zuschriften, die das „Hamburger Abendblatt“ erreichten, waren nur zehn für das Projekt –, Betreiber der Reeperbahn freuen sich über die Aufmerksamkeit; StarArchitekten wie Hadi Teherani vergleichen das Modell mit dem Eiffelturm.

Sicher ist: Koons Kunst ist banal, bunt und beliebt. Sie wird Aufmerksamkeit erregen, Touristen anlocken und zu einem neuen Wahrzeichen werden. Kurz: Sie wird Erfolg haben, wie Christos Reichstag, wie Nikis Nanas. Und sie wird Menschen für Kunst interessieren, denen eine Skulptur von Richard Serra noch nicht einmal auffallen würde.

Hamburgs Kultur-Dilemma löst Koons’ Luftnummer jedoch nicht. Horakovas Amtszeit war bislang geprägt von Pleiten, Pech und Pannen: Bühnen wie die Kammerspiele, Ausstellungshäuser wie die Deichtorhallen kämpfen um ihr Bestehen. Und erst gestern sprach nach Chefdirigent Ingo Metzmacher nun auch der Intendant der Hamburger Staatsoper, Louwrens Langevoort, öffentlich von einem möglichen Weggang – wegen mangelnder Perspektiven für Hamburgs Kultur. Nichts gegen populäre Kunst. Aber wenn sie das Einzige ist, was floriert, ist das ein Ärgernis – nicht Koons’ bunte Gummireifen.

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