Kultur : Luftschiffer

Werner Herzogs Dokudrama „The White Diamond“

Kai Müller

Es sieht aus wie ein Fesselballon. Doch das Ding, das da im Herzen Guyanas über die Baumwipfel schwebt, ist ein Zeppelin, ein Luftschiff, das sich aus eigener Kraft fortbewegt und von einer Heliumblase getragen wird. Entworfen hat das entfernt an einen Kugelfisch erinnernde Gefährt ein britischer Ingenieur. Der träumt davon, sich den Baumkronen des Dschungels von oben zu nähern, und er sagt, das Schönste sei die Stille in der Luft, die Stille, um nachzudenken.

Ein Träumer also. Dass Werner Herzog, dieser ebenfalls manisch Besessene, sich den englischen Flugpionier für seinen Dokumentarfilm „The White Diamond“ als Helden auserkoren hat, liegt in der Natur der Sache. Der Dschungel hat es ihm angetan. Immer wieder ist er in die Tropenwälder Südamerikas zurückgekehrt, fasziniert von der erotischen Opulenz, die seine Protagonisten in „Fitzcarraldo“ oder „Aguirre, der Zorn Gottes“ in den Wahn trieb. Nun tut er es als Natur- und Tierfilmer, der, so sagt er, „das Genre in eine andere Dimension heben“ will.

So wird die Expedition zu einem Dokudrama und Seelentrip, bei dem Herzog und Dorrington einander in gegenseitiger Abhängigkeit umklammern. Man kennt diesen kalt-sanften, brutal-poetischen Herzog-Blick. Und es schaudert einen. In seinem jüngsten Loblied auf den Regenwald und auf alle, die sich in ihm verirren, zwingt er den Ingenieur, sich der Trauer um den tödlich verunglückten Tierfilmer Dieter Plage zu stellen, an dessen Absturz sich Dorrington die Schuld gibt. Indem Herzog in das Nachfolge-Modell jenes für Plage so verhängnisvollen Zeppelins steigt, wird er zum Therapeuten und Thronfolger.

In Berlin in den Hackeschen Höfen

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