Kultur : Lug und Zug

Uraufführung am Berliner Ensemble: Claus Peymann stimmt Peter Handkes „Untertagblues“ an

Rüdiger Schaper

Im Jahre 1966 war’s, im verblichenen Frankfurter Theater am Turm, dass zwei Männer zusammenfanden: ein Jungregisseur namens Claus Peymann und ein noch etwas jüngerer Jungautor namens Peter Handke. Sie setzten ein Stück in die Welt, das machte mächtig Furore und wurde zum Begriff: „Publikumsbeschimpfung.“ Ein Schauspielerquartett stand auf der Bühne, pilzköpfig, wie eine Rockband ohne Instrumente, und nahm die deutsche Sprache auseinander, so wie die Studenten damals die Uni und alles andere zerlegten, was miefte und muffte und weste und herrschte.

38 Jahre später. Jetzt. Der Schauspieler Michael Maertens – noch ein Säugling, als Handke und Peymann mit der „Publikumsbeschimpfung“ eine Theaterrevolution auslösten – steht auf der Bühne des Berliner Ensembles und: pöbelt, grantelt, flennt und schimpft. Maertens ist der „Wilde Mann“ im neuen Stück von Peter Handke, das Claus Peymann zur Uraufführung bringt, wie so manche Handke-Dramen im Lauf der Zeit. Ein zweistündiger solistischer Kraftakt, ein einsamer Langstrecken-Amoklauf. Die anderen Typendarsteller auf der Bühne sind nämlich stumm. Gelangweilte und Dulder. Sturzbäche von Verwünschungen und Beleidigungen kippt der „wilde Mann“ über sie aus: „Und wer ist das schon wieder? Und das? Und das? warum seid ihr heutzutage überall? (...)Heillos Hässliche. Erbarmungslos Hässliche. (...) Ich sehe in deinen Schädel hinein: leer, leer. (...) Ihr Leute heute: so hässlich wie noch nie welche.“

Aha, ein Ästhet. „Untertagblues“ heißt das Werk, ein „Stationendrama“, was man wohl wörtlich wie metaphorisch verstehen muss. Spielt in einer fiktiven U-Bahn, die rund um den Globus fährt, glaubt man den Stationennamen. Oder spielt im Kopf des Wüterichs, als innerer Monolog. Dafür spricht, dass die armen Paare und Passagiere, die der Krakeeler peinigt, nie zurückschlagen oder zurückbrüllen. Ein Geist? Die Fahrgäste sehen, auch da stimmt etwas nicht, immerzu brav bürgerlich und westlich aus.

Stopp! Der nicht nur unsympathische Irre hätte in der Berliner, Pariser, New Yorker U-Bahn nach zwei Minuten eine Faust in der Fresse. Das darf man nicht so realistisch sehen? Das spielt in einem poetischen Zwischenreich? Nein, Handke drängt es, mehr als in früheren Stücken, mit diesem schaurigen Text in die Realität. Er will keine Überhöhung von Alltag. Er entblößt die herzitierten Zeitgenossen bis auf ihren erbärmlich-kreatürlichen Kern, oder was er dafür hält.

Karl-Ernst Herrmanns cinemascopisch-breite Metro-Bühne, clean, luftig und weiß, ist wie ein Sommerhaus, ein Wolkenheim. Wo sind wir hier? In einem Theater , dessen Chef sich selbst gern als wilder Mann Berlins aufspielt. In einem berühmten Theater mit berühmten Theatermachern und Weltverbesserern, die ihren Bedeutungsverlust aggressiv-selbstmitleidig ausstellen. Autor und Regisseur haben sich festgefahren in splendider Pose. Im Wehklagen, dass früher alles besser war. War es wohl auch. Jedenfalls im Staatstheater.

Die Berliner Uraufführung verdankt sich dem Umstand, dass Luc Bondy in Wien wegen Arbeitsüberlastung die Inszenierung zurückgeben musste. So hat der Burgschauspieler Gert Voss das Textungetüm vergebens in seinem Kopf gespeichert. Und so kam es, dass der so jugendlich wirkende Michael Maertens zum ersten Sprachrohr wurde für das Altmännergewäsch. In Wien kommt der „Untertagblues“ nun nächste Woche heraus, und wie man hört, will die noch unbekannte Regisseurin Friederike Heller mit ihrem Protagonisten Philipp Hochmair – zu Handkes Verdruss – die Schimpfkanonade als U-Bahn-Rap in Szene setzen. Und vielleicht retten.

Eine Gratiswut bricht sich hier Bahn. Der Untergrundfahrer hasst ausnahmslos, vor allem das andere Geschlecht: die Frau mit dem Baby („Du da, mit deinem fahrtlang vor die Brust geschnallten Kind: Was hat dein Kind dir bloß getan, dass es all die Zeit seine Mutter sehen muss?“). Er hasst, und das ist eine besonders widerliche Szene, den Blinden. „Und dass du da blind bist, das ist noch lange kein Grund, vor den Sehenden deine unendlich selbstzufriedene Blindenmiene zur Schau zu tragen.“ Am tiefsten hasst dieser Dichter-Doppelgänger, dieser ewige Student und Reaktionär, sich selbst („O ich dreimal Hässlicher!“). Handkes Sprachkünstelei ist hier äußerst österreichisch: Dauertiraden wie bei Thomas Bernhard, terrorisierendes Wortgeklingel wie bei Elfriede Jelinek. Bernhard, der große Komödiant, der andere Peymann-Bruder im Geiste, ist tot. Aber was hat Handke noch zu sagen?

Die Bahn fährt ab, die Bahn hält an. Die Regie tut kaum etwas gegen die Monotonie der Konstruktion. Fahren, Brüllen, Anhalten. Weiterschimpfen. Peymann richtet es leider auch so ein, dass der oder die zu Beschimpfende sich stets auf den Präsentierteller setzt und, auffällig-unauffällig, die dumpfe Attacke erwartet. Keine Überraschungen. Keine Bedrohung geht von dem „wilden Mann“ aus. Es ist ein hilfloses Anrennen, Anbrüllen, zynischer Ausbruch gegen, ja was?

Wie man die U-Bahn in uns allen zum großen Theater macht, das zeigt seit über anderthalb Jahrzehnten das Berliner Grips-Theater mit seiner „Linie 1“. Dort gibt’s, nach langer Irrfahrt, ein dickes, fettes Happy End. Die Königskinder kommen an der Bahnsteigkante zueinander. Das ist das Merkwürdigste bei Handkes „Untertagblues“. Der Böse wird erzkatholisch. Alle haben ihn verlassen. Er beichtet. Bereut. Fällt in sich zusammen. Und darf am Busen der guten Fee ausruhen von seinem Einsamkeitswahn und Weltekel. Halb Domina, halb gute Fee: Dörte Lyssewski, von etwas schrulliger Eleganz mit ihrem explosiven Federhut (Kostüme: Angela Rieck), schimpft den bösen Jungen tüchtig aus: „Du Friedensstörer. Du Störenfried. Du wolltest uns wohl das letzte Wort gesagt haben? (...) Hattest wohl nie ein Herz vor Schönheitswahn?“

Ja, glaubt man es denn? Man glaubt es dem tapferen Michael Maertens zur Hälfte. Er findet schöne, leise Töne. Kindheitserinnerungen. Dort irgendwo liegt sein traumatisches Wüten, sein Gallengift begraben. Nur, so genau will man es dann auch nicht wissen. Denn auf die Verwunderung über diese dramaturgische Vollbremsung und Umkehr folgt der Ärger. Der wilde Mann wird zum milden Mann, der Kotzbrocken zum Mamasöhnchen, Saulus zu Paulus. Umsonst getobt, für nichts und wieder nichts gepoltert? Alles nur Lug und Zug? Eine Publikumsbeschimpfung, die sich sogleich für ihre Entgleisungen entschuldigt. Das ist neu.

Letzter Halt. Helles Tageslicht, die Bahn fährt überirdisch, die Fahrgäste sind auch wieder da und wedeln mit Grünzeug, lächeln um die Wette, und eine faustische Stimme von oben (Thomas Holtzmann als unsichtbarer Gast!) verkündet sonor: „He, am schönsten war’s, wenn man nicht wusste, wohin man führe (...). Es war eine herrliche Zeit. Es war eine mächtige Zeit. Es war die schönste Zeit.“

Gut gesagt. „Es war die schönste Zeit.“ Wir haben diese Zeit selbst auch ein bisschen miterlebt. Die große Peymann-Zeit. Das macht diesen Handke-„Blues“ so schal und so bitter. Die Helden von einst, sie reden nur noch von sich selbst. Theatereroberer mit leeren Händen.

Wieder am 8., 9. und 21. Oktober.

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