Kultur : Lulu, unsterblich

„Die Sache Makropulos“: Anja Siljas Triumph an der Deutschen Oper Berlin

Ulrich Amling

Die Oper kennt kein Erbarmen mit ihren Sängern. Sie verlangt jugendliche Frische und zugleich gereifte Technik, Jubel in den höchsten Tönen und furchtloses Niederringen von Springfluten aus dem Orchestergraben. Die Oper zehrt ihre Sänger aus, jedes Wiederhören erinnert uns daran, dass Zeit verronnen ist – und doch kann Oper die Zeit anhalten, den Moment zur Ewigkeit werden lassen.

Leos Janacek hat mit „Die Sache Makropulos“ eine Oper des Erbarmens komponiert – und er muss dabei eine Hauptdarstellerin wie Anja Silja im Sinn gehabt haben. eine, die weiß, was es heißt, weiterzuleben. In zarter Jugend stürmt sie Opernbühnen, mit 20 singt sie erstmals in Bayreuth, sechs Jahre später verliert sie Wieland Wagner, den Mann ihres Lebens. Für Anja Silja, die, kaum fassbar, auf die 70 zueilt, ist Emilia Marty die Rolle ihres Lebens. Und weil sie Janaceks geheimnisvoller Operndiva immer wieder Größe und Bitternis schenkt, noch immer jüngere Sopranistinnen mit der Intensität ihrer Darstellung hinter sich lässt, feiert „Die Sache Makropulos“ eine bewegende Premiere an der Deutschen Oper.

„Man kann nicht über dreihundert Jahre hinweg lieben. Und man kann auch nicht über dreihundert Jahre hinweg hoffen, Dinge erschaffen und sie angaffen.“ Emilia Marty ist das Opfer medizinischer Experimente, an ihr wird ein Mittel erprobt, das das Leben um 300 Jahre verlängert. Ein Fluch, wie sich herausstellt. Längst ist die Diva innerlich erloschen, alles ist ihr gleichgültig geworden. Auch, dass sie umschwärmt wird, dass die Leidenschaften hochschlagen, Männer wahlweise sie und sich selbst umbringen wollen. Emilia Marty ist eine unsterbliche Lulu, der Wunden geschlagen werden, aber kein Lustmörder den Tod bringen kann.

Die faszinierten Männer glauben eine junge Frau vor sich zu sehen, der Zuschauer aber schaut der Silja direkt ins Gesicht. Er versteht, warum Schmeicheleien an dieser Frau abgleiten müssen, woher ihre Kühle rührt, die die Situation mehr und mehr anheizt. Alle Projektionen taumeln ins Leere. Nikolaus Lehnhoffs Inszenierung, vor beinahe zehn Jahren beim englischen Glyndebourne-Festival entstanden, fokussiert mit bewundernswerter Effizienz auf die bewegende Hauptdarstellerin. Der Bühnenraum verwandelt sich in ein Stundenglas. Nichts steht still, dieser Schreibtisch da verschwindet gleich, auch dieses Bett, gerade noch Liebeslager, wird uns nur kurz begleiten – und doch ist die Drehung der Welt nicht zu spüren. Wir leben immer länger, Janaceks Oper rückt uns immer näher: Unsere Menschlichkeit wird herausgefordert. Anja Siljas Schlussgesang, ihrem Abschied vom Leben, kann sich niemand entziehen. Wer die Chance hat, sie so in Hochform zu erleben, braucht keinen angstgetriebenen Bestseller zur Überalterung der Gesellschaft zu lesen.

Der Abend zeigt daneben auch, wie sehr Christian Thielemann sich beim Pokern um mehr Geld für sein Orchester verschätzt hat. Er hatte darauf gesetzt, dass man sich eine Deutsche Oper ohne ihn gar nicht mehr vorstellen kann. So weit ist es mit Berlins größter Opernbühne glücklicherweise nicht gekommen. Bei der Makropulos-Premiere weint Thielemann keiner nach. Marc Albrecht, sein möglicher Nachfolger, hat hart mit dem Orchester gearbeitet. Man spürt sein analytisches Talent, seine Ausdauer beim Koordinationstraining, den Willen zum korrekten Klang. Dafür nimmt man – auf dem Weg zu neuer Spielkultur – auch einmal mit etwas gedrosselter Sinnlichkeit vorlieb und verzeiht eine spannungsarme Ouvertüre. Denn die Richtung stimmt.

Aufführungen heute und am 29. Juni sowie am 2., 7. und 10. Juli

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