Kultur : "Lumen, Lux und Fixtures": Dunkel ins Licht

Michaela Nolte

Wer hinter dem Ausstellungstitel "Lumen, Lux und Fixtures" ästhetische Verführungen zum göttlichen "Lumen mundi" oder "Fiat lux" vermutet, wird in der Galerie Anselm Dreher enttäuscht; und ist gleichwohl mit den kontemplativen drei Arbeiten von Volkhard Kempter nach einer Weile mitten im Thema. Schneidend weiß breiten sich "Column I" und "Column II" über zweieinhalb Meter Höhe in zwei Räumen aus: ein bizarres Areal aus jeweils achtundzwanzig Lichtkästen mit seriellen Chromrastern - als Ganzes sichtbar nur durch die Fenster, vom Gehsteig aus. Rund zweihundert vertikale Leuchtstoffröhren blenden und kippen das Licht- und Wärmeempfinden - für den Sehnerv des Betrachters durchaus gewöhnungsbedürftig. Die Sachlichkeit der zylindrisch angeordneten und zur Wand geöffneten Körper ist im begehbaren Inneren weiter reduziert: Spröde Rückwände von Deckenlampen, wie man sie aus Großraumbüros kennt, bieten Schutz vor dem schönen Schein.

Volkhard Kempter, Jahrgang 1961, setzt in seinen Lichtarbeiten nicht auf die optische Überwältigung. Ein subtiler Schattenmann, der gewöhnliche Seh-Muster ebenso konterkariert wie numinose Konnotationen. Der Begriff des Lumens, das "Licht der Welt", impliziert diese physikalische Leuchtkraft, aber zugleich den Hohlraum röhrenförmiger Körperorgane. Auf mehreren Bedeutungsebenen formuliert Kempter so seinen eigentlichen Gegenstand: "Column I" im Eingangsraum und "Column II" parallel dazu im zweiten bilden eine Einheit, indem sie die Wand zu durchbrechen scheinen. Kemper stellt das Dahinterliegende in den Schatten und rückt es so ins Zentrum. Das Schattendasein der Wand wird zum Leitmotiv, das Blick und Wahrnehmung polarisiert: Schaut man hin oder weg? Geht man durch oder läuft man vor die Wand?

Minimalistische Strenge steigert der Künstler bisweilen ins Exzentrische. Wo Pioniere wie Dan Flavin mit Magie arbeiten, setzt Kempter auf Askese. Mit sublimen, bisweilen kaum wahrnehmbaren Nuancen, mit Auslassungen und delikaten Störungen führt er hinter das Licht. Während die Lichtsäulen den white cube noch einmal in gleißendes Weiß tauchen, umgibt die Videoinstallation "Fixture/Nonfixture" theatrales Dunkel. Kempter dupliziert eine wiederum weiße Leuchtstoffröhre und konzentriert den Charakter des schnellsten Mediums auf den Moment. Stakkatohaft entfalten die reale und die projizierte Neonröhre ihren Dialog im diskreten Charme des Aufblitzens. Die ungerichtete Energie des Zufalls, der elektrische Störfall also, wird eingefangen und wie das klassische Tafelbild in einen Rahmen gesetzt. Ungerichtete Energie wird so neu ausgerichtet, die Lichtquellen schließen sich gegenseitig kurz, lösen Bewegung aus und halten sie für den Bruchteil einer Sekunde gleichsam wieder an. Wie sich im weißen Licht alle Farben des Spektrums vereinen, überlagern sich hier Realität und Imagination, Bild und Abbild zum kontrapunktischen Klang von Dynamik und Stillstand.

In kühner Abwandlung des Platonschen Höhlengleichnisses verweist Kempters Konzept von Licht und Nicht-Licht auf eine schattenlose Gesellschaft, die das Dunkel ausgrenzt. Die Fessel ihrer Gefangenen ist die Penetranz einer Dauer-Beleuchtung, die keinen "lichtruhigen" Blick mehr zulässt: Der Schatten übernimmt bei Kempter nicht länger die Funktion der ästhetischen Chimäre, sondern symbolisiert einen Verlust im Überfluss - eine Oase im buntflimmernden Allerlei.

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