Kultur : Lust am Denken

Das Festival „French Friends“ im HAU eröffnet mit „Germinal“.

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Im Bad der Begriffe. Die Performer von „Germinal“ beim Sortieren. Foto: Alain Rico
Im Bad der Begriffe. Die Performer von „Germinal“ beim Sortieren. Foto: Alain Rico

Man muss nicht unbedingt Foucault oder Derrida gelesen haben, um mit den „French Friends“ Schritt halten zu können. Oder sich gar ein Licht aufstecken zu lassen. Zwar sind den beiden großen französischen Philosophen zwei von insgesamt vier „philosophischen Miniaturen“ gewidmet, zu denen Maria Muhle mit wechselnden Gesprächspartnern an einem ungewöhnlichen Ort einlädt. Der philosophische Dialog findet in der Installation „Les Thermes“ im HAU 2 statt: Ein Bassin wurde mit 25 000 schwarzen Bällen gefüllt, auf denen jeweils ein philosophischer Satz steht. Ein Mutiger ging voran und tauchte bis zum Kinn ein in diese geballte intellektuelle Energie.

Zu den Künstlern, die sich diesen Philosophen-Pool ausgedacht haben, gehören auch Antoine Derfoort und Halory Goerger, die mit „Germinal“ das Festival eröffneten. Sie zerstreuten gleich Bedenken, dass unsere französischen Freunde uns bei diesem Festival intellektuelle Strapazen zumuten. „French Friends“ nennt das HAU den Berliner Beitrag zum deutsch- französischen Austauschprojekt „Transfabrik“. Aus Anlass des 50. Jubiläums des Élysée-Vertrags haben sich auf Initiative des Institut Français elf Spielstätten zusammengeschlossen. Bei der Ankündigung mutete das „Transfabrik“-Projekt recht technokratisch an. Doch die Berliner Auswahl ist durchaus vielversprechend. HAU-Chefin Annemie Vanackere hat konsequenterweise nur französische Künstler eingeladen – die deutschen Performer, die bei „Transfabrik“ mitmachen, treten sowieso im HAU auf.

Antoine Derfoort und Halory Goerger sind eine Entdeckung. Ihr „Germinal“ ist eine Performance mit intellektuellem Anspruch, schließlich geht es um die Erschaffung der Welt durch Sprache – und um die Fallstricke der Kommunikation. Doch selten wurde bei einer Aufführung so viel gekichert. Dabei machen die vier Performer sich mit großem Ernst an die Aufgabe, durch Kategorisierung eine sprachliche Ordnung zu etablieren. Die Kategorien, mit denen der wilde Schwarm von Worten sortiert werden soll, heißen hier kurioserweise „Pokpok“ und „Nicht-Pokpok“. Obendrein gibt es noch Unter-Kategorien wie „FrrrFrrr“ – was ausgesprochen wie froufrou klingt. Herrlich, wie sich die vier Akteure in der Logik der Sprache verheddern. Der intellektuelle Eifer steht im witzigen Kontrast zu den chaotischen Resultaten.

Dabei durchleben die vier im Laufe der Performance eine rasante Entwicklung. Anfangs machen sie die verblüffende Entdeckung, dass sie ihre Gedanken auf Schrifttafeln übertragen können. Später üben sie sich im Gebrauch der Stimme, produzieren zuerst Laute und dann sinnvolle Aussagen. Und stehen vor dem Problem, dass es nur ein Mikrofon für vier Sprecher gibt. Arnaud wird beauftragt, für die anderen zu sprechen als „Verantwortlicher für Kommunikation“ und schnell wieder entmachtet, bevor er zum Usurpator wird.

Die Zärtlichkeit darf nicht fehlen an diesem Abend. Die Gruppenbildung beginnt gleich im Stadium des „Glücks, zusammen zu sein“ und durchläuft dann unvermeidlich Phasen von Wut, Verneinung und Depression. Was wohl auch an den Steinzeit-Techniken liegt, mit denen rumgefrickelt wird. Als man schließlich einen PC in die Hände bekommt, ändert sich auch der Darstellungsmodus. Die Akteure wechseln plötzlich ins Schwedische – oder singen auf einmal ihre versponnenen Dialoge.

Immer irrwitziger wird das Treiben auf der Bühne. Am Ende werden alle Etappen chronologisch aufgelistet. Chapeau, das schaffen nur Franzosen: alle relevanten Themen in einer guten Stunde abzuhandeln. Die Performer demonstrieren zwar, wie trügerisch die Ordnung der Dinge ist. Doch das Räsonieren ist für sie eine lustvolle Angelegenheit.

Die „French Friends“ locken auch mit großen Namen. Philipp Quesne, der Darling der internationalen Festivals, kommt mit „Anamorphosis“, einer Produktion, die er in Japan erarbeitet hat. Jérôme Bel zeigt sein frühes Solo „Shirtologie“ aus dem Jahr 1997, immer noch ein aktueller Kommentar zu unserer kapitalistischen Alltagskultur.

Die Symbolfigur von „Transfabrik“ ist Laurent Chétouane – der Choreograf und Regisseur lebt und arbeitet schon seit Jahren in Berlin. Zu dem Duo „M!M“ hat er sich von Derridas Essay „Politik der Freundschaft“ anregen lassen. Merci.

noch bis 8.5., www.hebbel-am-ufer.de

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