Lust am Skurrilen : Eichhörnchens Selbstmord

Die Ausstellung „Stanze/Rooms“ im Me Collectors Room zeigt erstmals die Sammlung der größten italienischen Kunstkäuferin Patrizia Sandretto De Rebaudengo in Berlin.

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Böse. Die in der Ausstellung gezeigte Vitrine „Bidibidobidiboo“ (1996) von Maurizio Cattelan zeigt ein lebensmüdes Nagetier.
Böse. Die in der Ausstellung gezeigte Vitrine „Bidibidobidiboo“ (1996) von Maurizio Cattelan zeigt ein lebensmüdes Nagetier.Foto: Me Collectors Room/Maurizio Cattelan

Der Hotelgast muss bescheiden sein. Sein Bett scheint die Luft anzuhalten, so schmal und streng steht es in dem Raum, den die französische Künstlerin Dominique Gonzales-Foerster für ihre Arbeit „Hotel Colour“ 1995 inszeniert hat. Ungefähr zu dieser Zeit begann auch Patrizia Sandretto Re Rebaudengo mit dem Sammeln von Kunst; darunter das Hotelzimmer, in dem ein schlichter Sekretär und ein unbequemer Sessel das Interieur ergänzen. Bonjour, Askese.

Im Universum der italienischen Sammlerin ist „Hotel Colour“ kaum mehr als ein kleiner Stern. Sie hat in der Zeit über 2000 Werke zusammengetragen und sorgt dafür, dass die Stadt Turin mit einer privaten Kunsthalle glänzt. Für die Ausstellung „Stanze/Rooms“ sind nun knapp 30 Arbeiten in den Me Collectors Room gezogen. Ein Bruchteil ihrer zeitgenössischen Kunst, doch man kann davon ausgehen, dass Patrizia Sandretto Re Rebaudengo sie mit Bedacht ausgewählt hat. Zumal ihre Sammlung zum ersten Mal überhaupt in Deutschland zu sehen ist.

Wenn „Stanze/Rooms“ eine Art Psychogramm zeichnen soll, dann formt es das einer Frau mit Lust an skurrilen Erzählungen. Davon kündet schon im Entree die 144-teilige Installation „The End-Venezia“ (2009) von Ragnar Kjartansson. Ein Konvolut von nachlässig gemalten Selbstporträts, die den Künstler in Stand-by zeigen. Kjartansson steht am Kanal, trinkt Bier im Atelier oder sitzt auf Treppenstufen. Der Isländer war 2009 auf der Biennale in Venedig vertreten, und man weiß nicht genau: Wartet er nun auf die zündende Idee für den isländischen Pavillon? Oder doch eher auf den Tod in Venedig?

Lakonisch, vieldeutig, schwarzhumorig

Lakonisch, vieldeutig, voll schwarzen Humors – so stellt sich die Sammlung vor. Mit der Vitrine „Bidibidobidiboo“ (1996) von Maurizio Cattelan, der ein Eichhörnchen nach dessen Selbstmord präsentiert. Der nackte Resopaltisch und das ungewaschene Geschirr in der Spüle verraten auch ohne Worte, wie trist sein Leben vorher war. Aufgebaut steht auch „Das Große Wichsen“ (1997) von Gregor Schneider, dessen vermuffte Kabine an die vergessenen Peep-Shows der achtziger Jahre erinnert. Oder Andrea Zittels „A to Z 1994 Living Unit“: eine Wohneinheit mit Bett und Kochnische, die die alltäglichen Bedürfnisse auf wenige Quadratmeter zusammenschraubt, dem möglichen Bewohner aber gleich auch ein Buch von Werner Schwab, dem Experten für Wohnungs- und Beziehungshöllen, ins Regal legt.

Konzeptkunst verbirgt sich hinter Cindy Shermans vertrauten Verkleidungsorgien, dem aus Pappe minutiös nachgebauten „Studio“ (1997) von Thomas Demand oder Porträts, die Sherrie Levine als Fachfrau für Appropriation Art zwei Motiven von Walker Evans nachgestellt hat. Auch hier verweist die Fotografie als Medium auf das von Patrizia Sandretto Re Rebaudengo favorisierte Sujet: Alles mündet im Cineastischen. Breitwanderzählungen, wie sie sich in Laure Prouvosts vertracktem Video „Wantee“ (2013), noch viel mehr aber in dem aufwendigen, von unsichtbaren Händen bedienten Tonstudio „UHER.C“ artikuliert, das Robert Kusmirowski 2008 für zwei große Räume ersonnen hat. Hier blinkt und flimmert es pausenlos.

Im eigenwilligen Kontrast dazu steht der Titel der Ausstellung in Mitte. „Stanze“ assoziiert im Italienischen einen Raum, in dem Platz für (eigene) Gedanken ist. Ein Refugium der Inspiration, von dem die Exponate in dieser Dichte allerdings weit entfernt sind. Hier wird gestritten, gelogen, fabuliert und überwältigt. Fast fühlt man sich wie ein Voyeur im Hochhaus oder in einem Hotel, der unsichtbar in jedes Zimmer schaut und miterlebt, was in den Zimmern vor sich geht. Der Rundgang ist selbst ein szenografisches Ereignis mit filmischen Mitteln. Was die Qualität der Schau nicht mindert. Doch die Phantasie wird von außen derart gefüttert, dass der Gedankenraum überquillt und sich die Eindrücke erst später sortieren.

Dass im Me Collectors Room, der ebenfalls auf die private Initiative eines Sammlers zurückgeht, zwei Seelen zusammengefunden haben, wird im oberen Stock des Hauses klar. Hier inszeniert Thomas Olbricht die exquisiten Objekte seiner Wunderkammer. Und hier zeigt Patrizia Sandretto Re Rebaudengo jenen Modeschmuck der dreißiger und vierziger Jahre, den sie ebenfalls obsessiv zusammenträgt. Letzterer hat es allerdings schwer im Umfeld der mittelalterlichen und barocken Stücke. Der Schmuck ist seriell, populär und hollywood – also zu laut und zu groß, um allen zu gefallen. In der Intimität der Wunderkammer mit ihren Exempeln herausragender Handwerkskunst der Vergangenheit fallen die Unterschiede besonders auf. Die Feinheit des Ausdrucks, der Techniken und Materialien. Dagegen schreien die Broschen und Bracelets aus Zeiten wirtschaftlicher Depression ihre Angst vor der Zukunft wie vor der Vergänglichkeit geradezu heraus.

„Stanze/Rooms“ im Me Collectors Room, Auguststr. 68, bis 21. September, Di-So 12-18 Uhr

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