Kultur : Lust auf Leipzig

Museumseröffnung – und die Galerieszene bezieht bald ein neues Quartier

Christina Tilmann

Leipzig sei für ihn der Ort der „Konzentration und Inspiration“, hat Neo Rauch kürzlich verkündet. Sein Kollege Tim Eitel schätzt die Randstellung Leipzigs im Kunstbetrieb. Und der Galerist Gerd Harry Lybke ist sich sicher: „Leipzig hat einfach die schönsten Frauen.“

Durch die Eröffnung des Museums der bildenden Künste am heutigen Sonnabend und des Anbaus der Galerie für Zeitgenössische Kunst (vgl. Tagesspiegel vom 2. Dezember) ist Leipzig als Kunststandort in aller Munde. Als Geheimtipp gilt es schon länger: Die amerikanische Kunstzeitschrift „Art & Auction“ hat die Stadt nach New York, London und Berlin zum „Hot Spot“ der globalen Kunstszene ausgerufen, berichtet die Zeitschrift „Art“ in ihrem aktuellen Leipzig-Sonderheft. Auf den internationalen Kunstmessen fragen die Sammler bei neuen Malern schnell „Is he from Leipzig?“ Und in den Galerien und Kunsträumen der Stadt geben sich die Fotografen und Kamerateams die Klinke in die Hand.

Die Wiederkehr der gegenständlichen Malerei und der Aufstieg Leipzigs gehen Hand in Hand. Das Arsenal scheint dabei unerschöpflich. Neo Rauch machte Anfang der Neunzigerjahre mit seinen der sozialistischen Formensprache entlehnten surrealen Bildern den Anfang, ist längst ein Star auf dem internationalen Parkett und wird gerade in der Wiener Albertina mit einer großen Überblicksschau neuer Werke geadelt. Tim Eitel, Matthias Weischer, David Schnell, Martin Kobe waren die Nächsten, die durchstarteten, gefolgt von Neuentdeckungen wie Julia Schmidt, Hans Aichinger und Tilo Baumgärtel. Gegenständlich, fantasievoll, surreal – bei aller Unterschiedlichkeit ist die Leipziger Schule deutlich wiedererkennbar: ein Markenzeichen.

Die Galerien vor Ort haben das Potenzial längst erkannt, lange, bevor an der mehr auf Fotografie und Video fixierten Kunsthochschule der neue Ruhm überhaupt wahrgenommen wurde. Galeristen wie Gerd Harry Lybke und Matthias Kleindienst haben die jungen Maler seit Jahren im Programm, so zeigt Kleindienst derzeit Julia Schmidts feine, klug verwischte Bilder. Auch Jochen Hempels Galerie „Dogenhaus“ und Torsten Reiter mit seiner „maerzgalerie“ setzten auf Malerei: derzeit ist bei dem einen eine Hartwig Ebersbach-Schau, beim anderen ein Rückblick auf fünf Jahre „maerzgalerie“ angesetzt. Nur Lybke zeigt gegen den Trend Skulpturen von drei jungen Künstlern. „Skulptur, das ist die Kunst der Zukunft“, prophezeiht er selbstbewusst. Die Künstler kommen zumeist aus Dresden.

Doch der große Auftritt steht noch aus. Im Frühjahr werden die Galerien umziehen: von den edlen Altbauwohnungen im Musikerviertel unweit der Hochschule in größere, spektakulärere Räume – und näher zu den Künstlern, die sie vertreten. Denn die alte Leipziger Baumwollspinnerei, die ab nächstem April mit Eigen+Art, Dogenhaus sowie der dort bereits angesiedelten Galerie André Kremer fast alle wichtigen Galerien Leipzigs beherbergen wird, ist längst das neue SoHo Leipzigs.

Entdeckt wurde das riesige Gelände im Leipziger Westen Mitte der Neunziger von jungen Künstlern, die auf der Suche nach Ateliers waren. 1990 waren in der Spinnerei die Lichter ausgegangen, das Gelände mit seinen wunderbaren, 120 Jahre alten Backsteinbauten verfiel. Doch die weiten Hallen mit den großen Fensterreihen waren wie geschaffen für eine Umnutzung als Atelier: Neo Rauch, Rosa Loy, Ricarda Roggan und Michael Triegel sind nur die bekanntesten.

Daniel Schörnig und Oliver Kossack gründeten in der ehemaligen Versandhalle den Kunstraum „B2“ und nutzten ihre Kontakte zur Hochschule für einen erfolgreichen Mix von Studienausstellungen und internationaler Kunst. Zur Zeit zeigen sie Arbeiten von Schülern Astrid Kleins. Doch nach dieser Ausstellung ist vorerst Schluss: Die Entwicklungsgesellschaft Baumwollspinnerei will den eindrucksvollen Raum gewinnbringender vermarkten. Über ein Ersatzquartier auf dem Gelände wird noch verhandelt.

Der zweite wichtige Kunstort auf dem Gelände hat ein anderes Profil: In der gigantischen ehemaligen Webhalle 14 zeigt Frank Motz, Gründer der Weimarer ACC-Galerie, im Auftrag der Stiftung „Federkiel“ Ausstellungen von internationalem Format. Zuletzt beschäftigte man sich – dem Genius Loci geschuldet – in „Schichtwechsel“ mit Arbeitssituationen, in „Xtreme Houses“ mit den Veränderungen der Wohnarchitektur. „Nach der Halle 14 kommt nur noch das P.S.1“, lobt Daniel Schörnig seine Kollegen. Der Sprung von Leipzig nach New York ist nicht mehr schwer.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben