Kultur : Lust auf Muster

Die großartige Retrospektive von Bridget Riley in der Galerie Max Hetzler

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Lebende Farben. „Between“ von 1989 basiert auf der endlosen Wiederholung abstrakter Formen. Foto: Bridget Riley & Galerie Max Hetzler
Lebende Farben. „Between“ von 1989 basiert auf der endlosen Wiederholung abstrakter Formen. Foto: Bridget Riley & Galerie Max...

In langen Fäden arbeitet sich die Farbe durch das Bild. Schnurgerade, als besäße Bridget Riley eine Maschine, die die Streifen emotionslos auf die Leinwand bringt. Es wirkt wie eine leichte Übung, was die britische Künstlerin seit den sechziger Jahren – in denen sie zu den Mitbegründer der Op-Art gehörte – exerziert. Dabei zählt die Abwesenheit jeglicher Handschrift zu den schwierigsten Dingen, die sich Riley damals auferlegte, um ihren Bildern alles Willkürliche zu nehmen.

Übrig bleibt jene überwältigende Vielfalt in der Beschränkung, wie sie sich nun in der Galerie Max Hetzler präsentiert. „Paintings and Related Work 1983-2010“ heißt die museumswürdige Ausstellung, die locker mit Rileys aktueller Retrospektive der Londoner National Gallery mithält. 14 große Gemälde, zwei Wandarbeiten und sechs Gouachen fächern das radikale, der minimalen Formsprache verpflichtete Werk derart auf, dass man sehr wohl ein Gespür für feine Differenzen im Werk bekommt.

Kälte, Wärme, Bewegung: das sind nur drei der Emotionen, die sich vor den Arbeiten entfalten. Je nachdem, welche Farbtöne im Dialog der Wahrnehmung überwiegen. In Nahsicht brechen die einzelnen Motive dann in blaue, grüne, gelbe und rote Streifen oder Rhomben auf, die sich an Akkuratesse kaum überbieten lassen. Man kann sich gut vorstellen, wie die Künstlerin lange ausschließlich mit Schwarz und später dann in Grautönen gearbeitet hat, weil sie „Form und Farben so inkompatibel“ fand, „dass sie sich gegenseitig zerstören“. Die Feinarbeit im Zwischenraum scheint Riley für immer sensibilisiert zu haben: Jede Farbe ist ein Schwergewicht, ihre Kombination verlangt höchste Konzentration. Zumal sich am Ende stets ein flirrendes, farbgetränktes Gesamtbild ergibt, das durch Harmonie und Ausgewogenheit besticht. Hier wird sichtbar, weshalb sie Impressionisten wie Seurat zu Vorbildern erklärt. Auch wenn Riley alles Figurative und Narrative aus ihrem Werk radiert.

„Die Bewegung von Blau zu Hellgrün ist die Form“, verrät die Malerin im Katalog zur Ausstellung über „Late Morning“ von 1967/68, der ersten Farbkomposition nach langer Abstinenz. In diesem Sinn führt Bridget Riley ihre Untersuchungen am Gegenstand bis heute fort: Wer „Delos“ (1983), „Debut“ von 1988 und „In Attendance“ aus den neunziger Jahren gesehen hat, kann sich ein Bild von fast allen Arbeiten machen. Die Malerin liefert stets eine komprimierte Beschreibung dessen, was sie auf ihrem langen Weg der Abstraktion an Wissen gesammelt hat. Und sie gibt eine Ahnung von dem, was sie auch als 80-Jährige noch in Erfahrung bringen will.

Anderes hat sich über die Jahre abgeschliffen. So geht im gleißenden Licht der großzügigen Halle, in der sich die bis zu vier Meter langen Gemälde sparsam verteilen, jedes Gefühl für das provokative Potential jener Kunst verloren. Dass Riley einst zwischen ihren Zeitgenossen, die den persönlichen Duktus als Markenzeichen kultivierten, auf der mühsamen Suche nach dem genauen Gegenteil war, lässt sich heute kaum noch vermitteln. Jedenfalls nicht, wie schmerzhaft solch ein Prozess der Ablösung verläuft. Die Einzigartigkeit dieser Haltung wird eher an den Reaktionen auf Rileys erste Einzelausstellung 1965 in New York sichtbar: Schon vor der Eröffnung war die Schau komplett verkauft. Riley wurde zur „Queen der Op-Art“ und sah sich mit Schaufenstern konfrontiert, in denen Miniröcke mit den von ihr entworfenen Mustern lagen. Den kurzen, erfolglosen Versuch, sich juristisch gegen die Plagiate zu wehren, beschloss die Malerin mit der hastigen Rückkehr nach London und einem Rückzug in ihr Atelier.

Der Erfolg blieb trotzdem konstant. Längst ist Riley in den internationalen Museum angekommen, statt Rebellion vermitteln ihre ewigen Motive nun ein Stück Kunstgeschichte. Auch in der Galerie Max Hetzler sind die wenigsten Arbeiten überhaupt (noch) zu erwerben. Ein Teil stammt aus Privatbesitz und ist unverkäuflich. Die übrigen sind reserviert, bereits vergeben und kosten wie „Between“ von 1989 stolze 550 000 Pfund.

Galerie Max Hetzler, Oudenarder 16-20; bis 16. April, Di-Sa 11-18 Uhr.

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