Kultur : Lust aufs Doppel

KINO

Kerstin Decker

Sie passt gut zu uns. Sie ist jung, schön, begabt, widerständlerisch, drogenabhängig, unglücklich und homosexuell. Sie ist eine Künstlerin. Aber geboren wurde sie schon 1908 und ist früh, mit 34, gestorben. Nur eins passt bei Annemarie Schwarzenbach nicht ganz: Sie kommt aus der Schweiz. Rebellen kommen fast nie aus der Schweiz. Man sagt, wer nach 100 Jahren immer noch vergessen ist, hat wenig Aussicht auf Nachruhm. Die Schriftstellerin, Journalistin und Fotografin Annemarie Schwarzenbach war nur 50 Jahre lang vergessen, das allerdings vollständig. Seit mehr als zehn Jahren wird sie jetzt wiederentdeckt. 1987 wurde ihr Roman „Das glückliche Tal“ wieder aufgelegt. Nun gibt es, mit Schweizerin und Rebellin , eine Woche im Programm der Brotfabrik , schon den zweiten Annemarie-Schwarzenbach-Film innerhalb eines Jahres.

Der erste war die wunderbare „Reise nach Kafiristan“. Annemarie Schwarzenbach, sehr jung, sehr schön, sehr lesbisch, sehr rauschgiftsüchtig, sehr verliebt in Erika Mann, sehr unglücklich – und  Ella Maillart, Seglerin, Stuntfrau und Gründerin des ersten Damen-Hockeyvereins der Schweiz fahren zusammen nach Afghanistan, 1939, im Auto. Weil in Europa ohnehin bald Krieg ist, und in Afghanistan ist Frieden. Nun also „Une suisse rebelle“ (Originaltitel): Zu den Vorteilen, aus einer reichen Familie zu stammen, gehört es, dass man schon zu Jahrhundertbeginn gefilmt werden konnte, fürs Familienarchiv. So zeigt das sehenswerte schweizerisch-französische Schwarzenbach-Porträt von Carole Bonstein  die eigensinnige Tochter einer Pelzhändlersfamilie mehr in Zürich, New York und in Berlin: „Und die betriebsamen Leute waren von einer erstaunlich kurzsichtigen Trägheit“, notiert sie über das Berlin des Jahres 1932.

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