Kultur : Lust aufs echte Leben

Silvia Hallensleben

Manche dachten wohl an ein Attentat, als am dritten Abend plötzlich hohe Flammen aus dem Kopienlager des Turiner Filmfestivals schossen. Doch vermutlich war nur ein Kurzschluss die Ursache. In nur drei Minuten nur waren alle 1500 Besucher des Multiplexes auf die Straße befördert. Zum Glück gab es großzügig dimensionierte Fluchttüren - Folge einer Turiner Kinokatastrophe der achtziger Jahre, bei der fast 60 Menschen den Tod fanden. Damals hatten sich die Notausgänge nur als aufgepinselte Attrappen erwiesen.

Doch in die Freude darüber, dass Menschen nicht zu Schaden kamen, mischt sich Trauer über die materiellen Verluste. Rund 60 Filmkopien (und ungezählte Videobänder) wurden zerstört. Zwar lassen sich aktuelle Produktionen bei entsprechendem finanziellen Aufwand ohne weiteres reproduzieren. Und auch für seine filmhistorischen Retrospektiven zieht das Turiner Festival lieber eigene Kopien, statt Archivbestände auszuleihen. Doch bei allein 90 Filmen für die große ägyptische Retrospektive funktioniert das nicht flächendeckend. So gehören zu den Verlusten auch Unikate wie die Technicolor-Kopien von Powell/Pressburgers "Hoffmanns Erzählungen" oder Anthonys Manns "The Man from Laramie".

Es sind die breit angelegten Retrospektiven, die miteinander und in lebendiger Verquickung mit aktuellem Filmschaffen den speziellen Reiz des Turino Film Festivals ausmachen. Die Bilderverweigerer Jean-Marie Straub und Danièle Huillet treffen da auf George A. Romeros lustvoll ausgemalte Schreckensfantasien, amerikanische Western auf ägyptisches Autorenkino, unabhängiges US-Filmschaffen auf europäisches Kino der letzten Jahrzehnte. Dabei bezieht man sich nicht wieder auf den Kanon der Filmgeschichte, sondern gibt dem unkonformistischen Genre-Kino viel Raum.

"La maschere del demonio" etwa, das Langfilm-Debüt des italienischen Kult-Horrormeisters Mario Bava aus dem Jahre 1960. Oder Sergio Martinos "2019 - Nach dem Fall von New York" (1983), der einen jungen Ritter in das vom Atomkrieg verwüstete New York schickt, um dort die einzige unverseuchte und gebärfähige Überlebende zu finden. Eine reaktionäre Fantasie, die aber den apokalyptischen Zeitgeist der Achtziger trifft. Zufälle? Auch Ridley Scotts "Blade Runner" spielte im gleichen Jahr 2019. Und die Bilder, mit denen "2019" beginnt, zeigen die postnuklearen Ruinen Manhattans im fahlblauen Morgenlicht, die Twin Towers eingeknickt, das uns heute so familiäre Stahlgerippe schon gewachsen zu einem ganzen kahlen Wald. Auch sonst lohnt es sich, die damaligen Fantasien mit heutigen Ängsten zu vergleichen: Viel dunkles Mittelalter im ehemaligen Westen. Und in Romeros drittem Zombie-Film "Day of the Dead" (1985) haben sich die Heldin und ihre Helfer in einen US-Regierungs-Bunker geflohen, doch bedrohlich sind weniger die lebenden Toten als machistische Militaristen und wissenschaftlicher Macherwahn, der versucht, die kannibalistischen Zombies zu Sklavenarbeitern zu dressieren.

Es war der mittlerweile zum Festival nach Venedig abgewanderte Antonio Barbera, der das ehemalige Familientreffen des italienischen Nachwuchsfilms mit Retros und Wettbewerben zur national bedeutendsten Kinoschau Italiens hochpowerte. Und auch unter seinem Nachfolger Stefano della Casa legt das Festival jährlich an Materialfülle, Renommee und Ticketverkäufen zu. Denn Turin, das in seinem Untertitel ein "Cinema Giovani" mitträgt, soll vor allem Publikumsfestival sein. Auf Glamour wird dabei verzichtet. Ein Publikumsfestival mit Anspruch und ohne Stars? Das geht, und es ist im 19. Jahr wirklich ein junges Publikum, das sich allerdings weniger zu Straub/Huillet und Ägypten und mehr in die zahlreichen einheimischen Programme drängelt. Und auch im berlusconischen Italien ist die Lust auf das "echte Leben" und die Politik erwacht, der Dokumentarfilm stark im Kommen.

Eine eigene Reihe war den die italienische Linke nachhaltig traumatisierenden Ereignissen um den G8-Gipfel in Genua gewidmet: "Bella Ciao - Genova Social Forum" (Marco Giust, Sal Mineo, Roberto Torelli) etwa, eine auch musikalisch rhythmisch mitreißende Ansichtskarte aus dem Gewaltkessel dieser Tage, für die RAI gedreht, doch von dieser wiederholt aus dem Programm genommen. Ein anderer (Dokumentar-)Film, der den Horror im ganz Realen findet, ist Lourdes Portillos "Senorita Extraviada", der anhand einer bisher ungeklärten Mordserie an jungen Frauen in der US-mexikanischen Grenzstadt Ciudad Juarez den Verbindungen von Billiglohn-Industrie, Mädchenhandel und Frauenhass nachgeht. 300 Mädchen sind hier im letzten Jahrzehnt gewaltsam gestorben - die Vermutung, dass die Täter im Herzen des Polizeiapparats sitzen könnten, zeigt, wie realistisch manch entlegen scheinende Horrorfantasien sind.

Vielleicht entspricht dem Trend zum Authentischen, dass im internationalen Spielfilm-Wettbewerb Valeska Grisebachs halb-dokumentarisches Jugendporträt "Mein Stern" den Preis davontrug, ein ehrlicher minimalistischer Film, der unter anderem schon im Sommer mit dem First-Steps-Debut-Preis gefeiert wurde (Kinostart: 3. Januar). Auch wenn die deutsch-österreichische Produktion, Abschlussfilm der Regisseurin an der Potsdamer HFF, in Turin schlicht unter "Austria" firmierte: Vielleicht beschert die junge Generation dem deutschen Film weltweit eine neue Chance. Dem italienischen dagegen würde es sicher schon nützen, wenn sich die Festivalmacher entschliessen könnten, ihre nationalen Produktionen englisch zu untertiteln.

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