Kultur : Lust und Bauschutt

WOLFGANG LEHMANN

Ein großer Tag? Der Wiedereinzug der Berliner Antiken ins Alte Museum ist für Wolf-Dieter Heilmeyer schlicht "der Höhepunkt meiner Arbeit".Daß er den Höhepunkt seiner Archäologenlaufbahn hinter Schuttbergen erlebt, bedrückt den Direktor der Antikensammlung Preußischer Kulturbesitz nicht.Eher ist er froh darüber, daß sich in Berlins Mitte überhaupt etwas bewegt, daß der Einzug der antiken Bestände in ihr angestammtes Haus nicht stattfindet, solange das Nazipflaster davorliegt.Im nächsten Jahr soll der Lustgarten wieder ein Lustgarten sein, nach Schinkels Entwürfen das Entrée zu Schinkels Altem Museum bilden.Und was bedeutet ein Jahr, wenn man bedenkt, daß das klassizistische Haus, das für die griechische Klassik gebaut wurde, bereits 1939, also vor fast sechs Jahrzehnten, geschlossen worden war.

Man sollte die Baustelle vor dem Alten Museum also positiv sehen: Als ein Versprechen für die Zukunft.Wenn das Alte Museum nun endlich wieder das beherbergt, wofür Schinkel es 1830 gebaut hat, ist dies kein Abschluß, sondern ein Anfang.

In der als "langfristige Sonderausstellung" konzipierten Heimkehrschau im Alten Museum und bei den Großskulpturen im Pergamonmuseum wird es permanent Veränderungen geben.So muß wegen der Sanierung der Museumsinsel der Nordflügel des Pergamonmuseums in den nächsten Jahren leergeräumt, einige der dort stehenden Skulpturen müssen andernorts untergebracht werden.Ausstellungen von Objekten, die aus Platzmangel nicht ständig gezeigt werden können, sollen die Bestände der Sammlung präsentieren und damit an ihre Bedeutung erinnern.2001 möchte Heilmeyer mit einer großen Klassikausstellung dazu beitragen, daß sich "die Berliner wieder als Spree-Athener empfinden".Als Bürger einer Stadt, die seit drei Jahrhunderten antike Kunstwerke beherbergt, pflegt und deren Leben von ihnen beeinflußt wurde.Mal mehr, mal weniger zwar, aber Heilmeyer besteht darauf, daß Berlin "auf seine Schätze antworten muß".

Wann die "neue Zukunft" der Antikensammlung begonnen hat, ist schwer zu sagen, in gewisser Weise schon vor drei Jahren, als die Antikensammlung ihr schönes Domizil gegenüber dem Charlottenburger Schloß für die Sammlung Berggruen geräumt hat.Von einem "Drama" sprach Heilmeyer damals, weil seine Sammlung sofort andernorts einziehen konnte."Es hat uns sehr behindert", sagt er heute, wenn er daran denkt, daß die Vasen, der Schmuck, die kleinen Plastiken für drei Jahre in Kisten verschwanden.

"Wir hatten ein gut funktionierende Forschungsinstitut mit angegliedertem Museum", konnte Heilmeyer in Charlottenburg noch sagen.Heute gilt das nicht mehr, dabei könnte die Arbeit in großem Rahmen fortgesetzt werden, - die Restaurierungswerkstatt ist fertig - aber: Es fehlt an Mitarbeitern.Stellen können nicht neu besetzt werden, für die wissenschaftliche Forschung bleibt neben der notwendigen Museumsarbeit wenig Zeit."Charlottenburg war schon gut", sagt Heilmeyer, seit 1978 in seinem Amt, mit selbstsicherer Untertreibung.Heilmeyer konnte in den achtziger Jahren im "schönen Haus" des Stüler-Baus mit Neuerwerbungen und Schenkungen die Sammlung vergrößern und vervollständigen, durch Umbauten und Erweiterungen Platz für Sonderausstellungen schaffen.In ihnen stellte er fremde Sammlungen vor und Leihgaben aus italienischen Museen, Ergebnis der guten Beziehungen mit dem Süden, "die man bereits vor 300 Jahren gesucht hat".Er präsentierte die Forschungsergebnisse seines eigenen Hauses, etwa die Untersuchungen an den Bronzen von Boscoreale oder an den Tanagra-Figuren, von denen 20 Prozent des Berliner Bestandes als Nachahmungen aus dem 19.Jahrhundert entlarvt wurden.

Neben diesem kulturhistorischen Blick auf die Antike-Rezeption unserer Väter konnten "Tanagra"-Forschungsprojekt und -Ausstellung in den ersten Jahren nach der Vereinigung Kunstwerke aus Ost und West, aus dem Pergamon- und dem Charlottenburger Antikenmuseum zusammenführen.Heute ist das eine Selbstverständlichkeit geworden, zumindest bei den Antiken."Die Wiedervereinigung ist in unserem Haus geglückt", sagt Heilmeyer.Im Blick hat er dabei nicht nur die Bestände, sondern auch die Mitarbeiter."Es gibt keine Mitarbeiter Ost und Mitarbeiter West bei uns".

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