Kultur : Lust und Erlösung

Carsten Niemann

Wie sollte man sich bei den Bamberger Symphonikern und dem Sho-Spieler Ko Ishikawa für "Ceremonial" bedanken? Vermutlich wäre eine Verbeugung angemessen gewesen. Denn das sanft rituelle Spätwerk des 1996 verstorbenen Toru Takemitsu wird von ätherischen Soli auf der japanischen Mundorgel umrahmt, deren Klang sich wie das unendlich verfeinerte Register unserer europäischen Mundharmonika ausnimmt. Den Bambergern unter Jonathan Nott gelang es rasch, aufzuschweben in die formal belanglose aber besänftigende Schönheit Takemitsus modal gedachter Klangbögen.

Kann Meditation aber die richtige Einstimmung zu Richard Wagners Wesendonck-Liedern mit Waltraud Meier sein? Sie kann! Denn Nott und die gefeierte Mezzosopranistin erlagen keinesfalls der Versuchung, ein Klein-Bayreuth im Konzerthaus zu errichten. Den schwülstigen Texten und Wagners Vertonung nahten sie sich vielmehr mit kammermusikalischer Genauigkeit: Wenn Meier das Wort "Erlösung" mit einem kleinen inneren Ausrufezeichen versah, dann machte dieser bewusste Verweis auf die Bedeutung des Erlösungsgedankens bei Wagner mehr Wirkung, als es jedes brünstige Singen der Phrase vermocht hätte. Und so blieb man selbst nach dem leidenschaftlichen Ausbruch in "Schmerzen" noch empfänglich für die Feinheit, mit der ein herrischer Trompetenton am Ende sanft im Klang der Flöten landete.

Dann stand Strawinskys "Le Sacre du Printemps" auf dem Programm. Abermals zeigte sich Nott als ein Dirigent mit Fingerspitzengefühl: Ohne je den barbaristischen Impuls der Partitur zu verraten, zeichnete er das Opferfest mit Linien in die Luft, die an die schlichte Kraft einer Federzeichnung Picassos erinnerten. Und das wache Orchester mit seinem pointierten hohen Blech und seinen gleißend hellen, aber nicht gelackten Streichern folgte ihm, dass es eine orgiastische Lust war.

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