Kultur : Lust und Liebe

Joseph Gordon-Lewitts Regie-Debüt „Don Jon“.

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Allerhand Klischees, mit denen Schauspieler Joseph Gordon-Lewitt da sein Regiedebüt bepflastert. Der muskulöse Held Jon, den er gleich selber spielt, ist Pornofan, notorischer Wichser, sozialer Autist und aufgeblasener Frauenabchecker zugleich. Seine erste ernsthafte Freundin Barbara, die Scarlett Johanssen in bewährt schmollmundiger Rattenschärfe verkörpert, ist mal herrschsüchtige Supermutti, liebes Weibchen oder manipulative Hexe. Dann wären da noch Jons Fitnessklub-Buddies, seine skurrile Familie, der heuchlerische katholische Beichtvater und ein einziger echter Mensch: die Abendschulbekanntschaft Esther – Julianne Moore spielt diese späthippieeske Witwe und Liebhaberin dänischer Qualitätspornos der Siebziger. Nun ist es Esthers handgreiflicher und herzlicher Job, aus dem unreifen Don Juan, der in Frauen nur Objekte sieht, einen Mann mit Charakter, weniger Gel im Haar und Lust an echter Liebe zu machen.

Ob diese Konstellation hilft, das Frauen- und Männerbild der US-Medien als ultra-anachronistisch zu entlarven, wie es Gordon-Lewitt nach eigener Aussage mit seiner Komödie beabsichtigt? Macho Jon kommt dazu viel zu sympathisch und die Vorstadttussi Barbara zu berechnend rüber. Aber überraschend provokant und leidlich lustig ist der in New Jersey verortete Film allemal – zumindest in den ersten beiden Dritteln. Schon das Sonntagsmahl von Jons italienischstämmiger Katholikenfamilie ist die reine Satire: Vati trägt Muskeln und Unterhemd, Mutti ihr Herz auf der Zunge, die stumme Schwester malträtiert ihr Smartphone, und vom Flatscreen dröhnen nonstop Sportsendungen. Ebenso die Beichtstuhlszenen, in denen ein angeödeter Priester jede Woche, die der Herrgott werden lässt, Jon als Buße für vorehelichen Sex und exzessive Masturbation zehn Vaterunser und zehn Ave-Marias aufbrummt, die der dann beim Training im Gym runterschnauft. Das sind pointierte Episoden, die viel besser funktionieren als der allzu absehbare Menschwerdungs-Plot. Auch wenn der politisch viel korrekter ist und menschlich erbaulich sowieso.Gunda Bartels

In zehn Berliner Kinos

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