Kultur : Lustbarkeiten

Altersweise Texte von Friederike Mayröcker.

Nico Bleutge

Wenn Friederike Mayröcker an ihrem Schreibtisch sitzt, ist sie niemals allein. Wie ein Schwarm kleiner Vögel umflattern sie die Stimmen jener Dichter und Philosophen, die sie in ihren rastlosen Lektüren lebendig werden lässt. Vor allem aber gibt es ein fantastisches Gegenüber, das in ihren früheren Büchern „EJ“ hieß und nun den geschmeidigeren Namen „Ely“ trägt. Man kann dahinter Ernst Jandl vermuten, den vor zwölf Jahren verstorbenen Lebens- und Herzgefährten. Jedenfalls ist das imaginäre Du für die Dichterin stets spürbar und erlaubt ihr ein „unendliches Gespräch zwischen dir und mir“.

Diese Bewegung scheint für Friederike Mayröcker die eigentliche Antriebskraft des Schreibens zu sein. Sie macht es ihr möglich, eigene Wahrnehmungen und Träume, Leseeinfälle und Erinnerungen in ein Gefüge aus Motiven und Sprachvariationen zu verwandeln. Ein Gefüge, das ebenso endlos anmutet wie das Gespräch mit dem Du – und in dem alle Phänomene gleich wichtig und bedeutsam sind, „die unscheinbaren Dinge des Lebens neben den groszen Dingen“, wie es einmal heißt. Und so mischen sich Botschaften von Postkarten mit Stimmen aus dem Radio, das Lesen in Jacques Derridas „Glas“ geht über in die Erinnerung an einen Italienurlaub. Dazwischen flicht Friederike Mayröcker Motive und Bilder, die der Leser aus früheren Texten kennt, einen hoppelnden Hasen etwa oder Flugtiere, mit denen sich leicht eine ganze Voliere füllen ließe: Spatzen, Kanarienvögel, Schwalben.

Diese Wesen erinnern nicht nur an die Schwerelosigkeit des Schreibens, sondern auch an die Vergänglichkeit. Vielleicht stärker denn je schiebt sich das Altern ins Bewusstsein der Dichterin. Dabei ist es nicht nur der Verfall des Körpers, den Mayröcker festhält. Vielmehr drängt sich immer wieder die Angst in den Vordergrund, die geistige Kraft könnte irgendwann nachlassen. Zuweilen erlebt sie in allen Farben des Diesseits schon ihr „Jenseitigsein“. Selbst die „Zerbrechlichkeit und Zartheit der Blumen“ findet Erwähnung.

Vielleicht arbeitet sie deshalb noch intensiver als bisher mit Wiederholungen und Variationen – als wolle sie dem Vergehen der Zeit gerecht werden und es zugleich bannen. Im Großen wie im Kleinen spielt sie ihr Material immer wieder durch. So wie die Titelformulierung „ich sitze nur GRAUSAM da“ rund ein halbes Dutzend Mal in unterschiedlicher Schreibweise aufgenommen wird, tauchen auch Szenen und Bilder, Zitate und Fügungen leicht verändert wieder auf. Der Text erinnert mal an einen „Taumel“, mal an „aus Einsamkeit komponierte“ Schleifen. Bisweilen kommen die Wörter der Dichterin auch vor wie Wölfe, die sich ineinander verkrallen. Doch ist es gerade die „Lustbarkeit“ des Schreibens, die fast jede Seite spüren lässt: Man schluckt die Flamme, um sie als Poesie „ausspeien“ zu können. Diese Kraft springt auf den Leser über. Oder in Mayröckers Worten: „entzückt : entzündet“ ihn zugleich. Nico Bleutge

Friederike

Mayröcker:
ich sitze nur GRAUSAM da. Suhrkamp Verlag,

Berlin 2012.

143 Seiten, 17,95 €.

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