Kultur : Lustiger Leierkasten

PUPPENSPIEL

Carsten Niemann

Spitze Schweinsohren, die dummschlau in den Raum horchen und ein Gesicht, das sich teigartig in feiste Wangen ergießt: das ist Dr. Bartolo aus Sevilla. Was Wunder, dass er Rosina mit dem Rosinenkuchenblick einmauern muss, damit sie ihm niemand wegschnappt? Doch da ist noch Figaro, der ein Herz für junge solvente Liebhaber hat und den Alten mit der Feuerpatsche einseift. Eine Typenkomödie mit kräftigem Anteil Kaspertheater hat das Kobalt Figurentheater aus Rossinis „Barbier von Sevilla“ gemacht – und der Ansatz tut dem Stück gut!

Die Triebfedern unseres Handelns und Fühlens sind Teil einer einfachen Mechanik, und über diese beunruhigende Wahrheit zu lachen, ist oft mehr, als sie mit Psychologisierungen des Regietheaters zu kaschieren. Die Kobalts begnügen sich im Saalbau Neukölln jedoch nicht damit, dass virtuos geführte Puppen mit derb-direkten Dialogen viele Opernschauspieler an Wirkung übertreffen. Sie experimentieren auch mit Projektionen und Objekten oder lassen Figuren und Spieler Schattenriss erscheinen. Das ist oft faszinierend: etwa wenn sich Verleumder Don Basilio zum vielarmigen Lindwurm wandelt. Andere Einfälle wirken mehr auf die Arien appliziert als zwingend durchgeführt. Der eigenproduzierte Soundtrack frappiert zunächst mit einer grotesken Bearbeitung der Ouvertüre für zwei Fagotte. Die Opernstimmen von Christiane Oertel und Stefan Stoll frieren jedoch, wo sie ohne Harmonieinstrument nackt hervortreten müssen. Dabei bräuchte sich die Truppe Rossinis Leierkastenmelodien so wenig zu schämen wie Stephan Schlafkes Puppenspielerstimme: die ist noch im Trällern so eindrucksvoll wie Bartolos Visage.

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