Kultur : Lustlos geht der Held zugrunde

Peter Laudenbach

Shakespeares "Macbeth" beginnt mit einem blutigen Gemetzel, mit Berichten von Kämpfern, die "in heißem Blute baden wollten" und einander "vom Nabel bis zum Kinn" aufschlitzten. In Christina Paulhofers Inszenierung an der Schaubühne beginnt "Macbeth" mit einer Massenschlägerei. Zu knallendem Industrial-Krach prügelt sich eine Horde halbnackter Männer minutenlang im Dämmerlicht. Unter Strömen von Wasser, die meterhoch von der Bühnendecke herabstürzen, prallen die muskulösen Körper aneinander bis die Körperteile in einer einzigen Körpermasse zu verschmelzen scheinen. Die Gewalt ist dumpf, monoton und selbstverständlich, der Kampf aller gegen alle ein stumm ausgetragenes Ritual. Der Schmerz, erlitten oder anderen zugefügt, ist eine Droge, die alles individuelle Bewusstsein in einer Explosion körperlicher Extremerfahrungen wegsprengt, Schläge und Tritte sind Momente der Selbstentäußerung. Bei Shakespeare ist die Schlacht das Mittel im Kampf um feudale Macht, ein Instrument der Politik. In der Schaubühne ist der Kampf eine Orgie. Kein Mittel, sondern ein Selbstzweck jenseits aller Politik.

Mit der ersten Szene etabliert Paulhofer den Grundton ihres "Macbeth". Sie übersetzt den Klassiker in einen dumpf rauschhaften Zustand der Triebentäußerung, in dem es um nichts geht als um den Moment. Zwischenmenschliche Kommunikation findet in Form körperlicher Gewalt statt. Dass die selbstgebastelte Übersetzung der Schaubühne den Text rabiat banalisiert und verflacht, ist nicht weiter schlimm. Dank der schlechten Raumakustik und der verwaschenen Artikulation der Schauspieler versteht man ihn ohnehin nur partiell. Aber um Text, Reflexion, Poesie geht es hier zuletzt.

Die Bühne, die Alex Herb als Schauplatz der Morde gebaut hat, wirkt wie eine Mischung aus Schlachthaus und Arena. Die Zuschauer sitzen an den Längsseiten eines schmalen, langen Steges, ein von unten neonweiß angestrahltes Metallgitter. Der Raum ist nackt; an zwei Seiten hängen dunkelrote Stoffbahnen wie Flächen von geronnenem Blut. Zu Beginn der Aufführung kreist ein Geier über dem Publikum. Auf einer Schmalseite des Stegs ein Thron aus durchsichtig weißem Plastik; ihm gegenüber eine riesige Stahltür, aus der Mörder und Opfer, auf den Steg strömen. Die Bühne bietet ihnen keinen Schutz. Sie treten auf, um sich dabei zusehen zu lassen, wie sie einander erstechen, erschlagen, erwürgen. Die Gräueltaten haben vor allem Spektakelwert. Keine Leiche verändert diese Bühnenwelt. Nach dem Mord ist vor dem Mord.

Bei Shakespeare ist Duncan, der legitime König, den Macbeth ermordet, ein guter Herrscher, mild, gerecht und großzügig. Falk Rockstroh macht ihn zu einer debilen Gestalt, steif, im braunen Fünfzigerjahre-Mantel, ein Herrscher, der die Hofrituale schnarrend und roh exekutiert. Seinem besiegten Feind, einem aufständischen Adligen, schneidet er in die Gesichtshaut und zieht sie ihm mit einem Ruck vom blutenden Fleisch. Dieser Duncan ist kein Menschenfreund. Macbeth ist lässiger. André Szymanski spielt einen Killer, der sich und seine Taten zu genießen versteht. Noch die gelangweilt heruntergemurmelten Monologe des Selbstzweifels vor dem Mord an Duncan haben etwas von müdem Selbstgenuss. Er aalt sich in seinen Gefühlen, wie er sich später auf dem Thron aalen wird. Jan Kott, der große Shakespeare-Forscher, hat über Macbeth geschrieben, er müsse morden, um zu sich selbst zu finden, um ein Mann zu sein, um "der Welt gleichzukommen, in der es den Mord gibt." Szymanskis Macbeth ist kein Mann, den solche Probleme quälen. Er bringt Leute um, weil es so einfach ist. Er ergreift den Beruf des Serienmörders, weil er sonst nichts mit sich anzufangen weiß. Die Theorie, in Shakespeares Stück gehe es um Bosheit und Ehrgeiz und Machtgier, dürfte ihn kalt lassen. Er hat keinen beruflichen Ehrgeiz. Und dass das, was er tut, moralisch verwerflich ist, kann ihn nicht beeindrucken. Er handelt aus Langeweile und Narzissmus. Als König trägt er einen strahlend weißen Anzug und sieht aus wie ein Vorstadtzuhälter, der sich fein gemacht hat.

Karin Pfammatter stöckelt über den Laufsteg und macht ihre Lady Macbeth zu einer etwas dümmlichen Luxusschlampe. Sorgfältig vermeidet sie, wie die Inszenierung, alle Anflüge von Dämonie oder Abgründigkeit. Der Mordreigen: Ein neues Spiel, das ihr einen weißen Pelz beschert. Solange Duncan noch lebt und herrscht, lässt sie sich ausgiebig von ihm befummeln. Macbeth darf sich erst nach dem ersten Mord nackt mit ihr in der Arena wälzen. Immer wieder schaut er hinter sich, zurück auf die Leiche. Aber seine Lady, die ihn zum Mord inspiriert hat, drückt ihn energisch an ihre Brüste, gleichzeitig Trost und Belohnung für die Tat. Jan Kotts von Sexismus nicht freie Behauptung, mit ihrer Mordlust räche sich Lady Macbeth "für ihre Niederlagen als Geliebte und als Mutter", findet hier zu einem drastischen (und drastisch eindimensionalen) Bild: Gute Hausfrauen und Mütter morden nicht. Andererseits ist Mord eine geile Sache. Eine subtile Deutung der Figur mag man das nicht unbedingt nennen.

Ihren stärksten Moment hat Karin Pfammatter beim Zusammenbruch der Lady. Sie spielt den Ausbruch des Wahnsinns, bei dem sie überall das Blut der Toten sieht, wie die Depression bei einem Kokain-Entzug: schrecklich und schrecklich banal. Szymanski bleibt lässig und ein wenig gelangweilt. Nietzsche, der den amoralisch "rasenden Ehrgeiz" Macbeths "mit Lust" sehen konnte, hätte keine Freude an dieser Inszenierung gehabt. "Wenn der Held an seiner Leidenschaft zugrunde geht, so ist dies gerade die schärfste Würze in dem heißen Getränke dieser Lust", schreibt der Philosoph.

Paulhofers Inszenierung ist weit von solchem Vitalismus entfernt. Lustlos geht ihr Held zugrunde. Nur die Amoral hat sie von Nietzsche gelernt. Anders als bei Shakespeare bedeutet ihr Macbeths Ende mitnichten die Re-Etablierung einer moralischen Ordnung. Der neue Herrscher ist ein Gangster, mit Goldkettchen behängt und Maschinenpistole im Anschlag. Nach dem Mord bleibt vor dem Mord.

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