Luther in neuer Sprache : Die Kirche wirbt für die Thesen des Reformators

Die evangelische Kirche glaubt, dass Luthers Botschaft auch heute auf Menschen befreiend wirkt. Deshalb hat sie jetzt eine Broschüre vorgestellt, die Luthers Rechtfertigungslehre in die heutige Welt übersetzen soll.

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Martin Luther und Johannes Calvin auf einem Kirchenfenster des 19. Jahrhunderts.
Martin Luther und Johannes Calvin auf einem Kirchenfenster des 19. Jahrhunderts.Foto: epd

Albrecht Dürer war ganz wild darauf, den Wittenberger Bettelmönch Martin Luther zu porträtieren. Sicher witterte er ein gutes Geschäft, doch das war nicht der einzige Grund. Dürer war Luther dankbar: 1518 ließ er den Reformator wissen, dass dieser ihm „aus großen Ängsten geholfen hat“. Dürer hatte nämlich Angst, in die Hölle zu kommen. Er hatte gesündigt und fragte sich, wie er vor Gott bestehen könne. Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Diese Frage trieb auch Martin Luther um und viele andere im 16. Jahrhundert. Gemalt hat Dürer den Theologen dann allerdings nie.

Luther war zu einer sensationellen Erkenntnis gekommen: Der Mensch, so glaubte er, kann sich Gottes Gnade nicht erarbeiten, und wenn er ein noch so rechtschaffenes Leben führt. Denn die Gnade ist ihm bereits sicher. Jeder Mensch wird von Gott anerkannt und geliebt, ungeachtet der Schuld, die er auf sich geladen hat, seiner Versäumnisse und Fehler. Luther sagte: Gott „rechtfertigt“ den Sünder.

Diese „Rechtfertigungslehre“ ist der Kern der Reformation. Sie wirkte befreiend und gab Luther den Mut, selbstbewusst vor Kaiser und Papst zu treten.

Die evangelische Kirche ist überzeugt, dass Luthers Botschaft auch heute auf Menschen befreiend wirken und Mut machen kann. Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hat deshalb am Mittwoch eine 100-seitige Broschüre vorgestellt, die Luthers Rechtfertigungslehre in die heutige Welt übersetzen soll. Es ist der zentrale Text zur Vorbereitung des Reformationsjubiläums 2017 – und das Klarste und theologisch Fundierteste, was die EKD seit langem veröffentlicht hat.

Gerade in der heutigen Leistungsgesellschaft sei der Gedanke eine Provokation, dass jeder Mensch von Gott anerkannt sei, egal, wie reich oder erfolgreich er ist, sagte Christoph Markschies, Theologe an der Humboldt-Universität und Vorsitzender der Kommission, die den Text erarbeitet hat. Es sei aber nicht egal, wie der Mensch sein Leben führe, die zehn Gebote seien ein „wichtiger Orientierungskatalog“. Er regelt das Verhältnis der Menschen untereinander, aber eben nicht das zu Gott.

Zu kurz kommt in der Broschüre, was die Reformatoren unter Sünde verstanden und was sich heute mit dem Begriff anfangen lässt. „Es ist eine Herausforderung, heute so über Sünde zu sprechen, dass Menschen ihre Schwächen annehmen können“, sagte der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider. Schwächen würden als Wettbewerbsnachteil gelten. Manchmal geht der Sprung vom 16. Jahrhundert zum heutigen „Wir“ zu schnell vonstatten; ein paar Seiten mehr hätten nicht geschadet. Dennoch ist die Broschüre ein guter Anfang. Wenn Luthers Gedanken nur einige zu mehr Demut verleiten oder mit dazu beitragen, dass die Gesellschaft nicht immer gnadenloser wird, ist sie das Papier wert.

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