Kultur : Luthers Luft

Welterbe, modernisiert: das Geburtshaus des Reformators in Eisleben

Jürgen Tietz

Während man sich in Berlin noch in kleinlichem Streit darüber echauffiert, ob denn das Welterbe Museumsinsel mit einer zeitgenössischen Architektur von David Chipperfield weiterentwickelt werden darf, hat die Stiftung Luthergedenkstätten in Eisleben gerade bewiesen, wie gut historische und moderne Architektur im Welterbe miteinander zu verbinden sind. Ein neues Empfangsgebäude sowie ein Ausstellungsflügel, beide vom Berliner Büro „Springer Architekten“ entworfen, ergänzen dort die historischen Bauten. Dabei ist Luthers Geburtshaus gar nicht das, was es vorgibt: Entstand es doch erst 1693 nach einem Stadtbrand – also rund 150 Jahre nach Luthers Tod. Gleichwohl handelt es sich um ein bedeutendes Denkmal, das als Keimzelle der weltweiten Lutherverehrung und erstes bürgerliches Museum überhaupt gilt.

Der neue Galerieflügel von „Springer Architekten“ verbindet das barocke Geburtshaus nun mit der angrenzenden „Armenschule“ von 1817 zu einem Museumsrundgang. Bei ihrer klugen Stadtreparatur haben die Architekten Maßstäblichkeit und Materialität des Ortes beachtet und zugleich einen architektonischen Akzent gesetzt. So wird der mal bräunlichrot mal rauchiggrau changierende Ziegel der Fassaden durch große Glasflächen ergänzt, die von matt goldenen Fensterrahmen aus eloxiertem Aluminium eingefasst sind. Schlanke Betonlamellen setzen einen vertikalen Gegenpol zu den vorwiegend liegenden Fensterformaten.

Eine unaufgeregte Modernität kennzeichnet auch das neue Besucherzentrum, gleich gegenüber dem Geburtshaus: Am Ende einer langen Häuserzeile wächst es turmartig empor und markiert architektonisch wie städtebaulich ein Zeichen in einer Stadt, die noch einen weiten Weg bis zu den verheißenen „blühenden Landschaften“ vor sich hat. Denn mit dem Ende der DDR ging im Mansfelderland auch das Ende der jahrhundertealten Bergbautradition einher, der schon Luthers Familie entstammte. Inzwischen liegt die Arbeitslosigkeit in Eisleben bei rund 28 Prozent und der Gebäudeleerstand der seit 1996 zum Welterbe zählenden Lutherstadt bei rund 15 Prozent. Davon ist besonders die dicht bebaute Altstadt betroffen, in der nach der Wende neben dem bereits zu DDR-Zeiten einsetzenden Verfall auch die Abwanderung ihre Spuren hinterließ.

Ein Teufelskreislauf, denn mit jedem leer stehenden Gebäude sinkt die Attraktivität der Kernstadt. Umso wichtiger ist die Fertigstellung des Geburtshaus-Ensembles, hat die Stiftung Luthergedenkstätten damit doch einen ersten Baustein im Rahmen der IBA Stadtumbau 2010 in Sachsen-Anhalt verwirklicht, deren Ziel es ist, die schrumpfende Stadt Eisleben zu revitalisieren. Und dabei spielt ausgerechnet Luther als Marketingfaktor in einer nahezu vollständig säkularisierten Region eine herausragende Rolle. So will die neue Dauerausstellung „Von daher bin ich – Martin Luther und Eisleben“ zu Luthers Wurzeln zurückführen.

Ihr Kernstück bildet dabei das Geburtshaus, in dem nachgebaute Möbel und eine „authentische“ Geräuschkulisse die Besucher in die Lutherzeit beamen. Eine solche Lutherinszenierung haben die Neubauten von „Springer Architekten“ freilich nicht nötig, die die historische Stadt mit selbstbewusster Selbstverständlichkeit weiterentwickeln.

Täglich 10–18 Uhr, Informationen unter: www.martinluther.de

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