Lux Aeterna Festival : Obertöne aus der Unterwelt

Spirituelle Dimensionen brechen sich Bahn. Musik und Transzendenz: Das Lux Aeterna Festival im Berliner Berghain.

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Hypnose und Rausch. Evan Parker & Kammerflimmer Kollektief.
Hypnose und Rausch. Evan Parker & Kammerflimmer Kollektief.Foto: Roland Owsnitzki

Dass Musik ein Ereignis von spiritueller Natur ist, dass sie mit ihrem ewigen Kampf gegen die Stille fast notwendig von Transzendenz handelt und dass eine spirituelle Haltung bei ihrer Produktion zumindest hilfreich ist, ist eine Erkenntnis, die mittlerweile fast auf Musikschulebene angekommen ist. Doch im Musikbetrieb, der von Marktinteressen, von konservativen Institutionen und parzellierten Szenen bestimmt wird, kommt diese Dimension von Musik nicht leicht zum Tragen: Weder konfessionell gebundene Kirchenmusik noch Kunstreligion im Konzertsaal werden dem aufgeklärten, von Bekenntniszwang befreiten Verhältnis des Publikums zu den spirituellen Dimensionen von Musik gerecht.

Das von Ekkehard Ehlers kuratierte zweitägige Lux-Aeterna-Festival hat nicht nur diese Lücke im Angebot erkannt, sondern mit dem Berghain auch den idealen Ort für ihre Veranstaltung gefunden: Denn der Techno-Tempel ist ein magischer Ort, der zugleich als legendärer hedonistischer Sündenpfuhl aller dogmatischen Vereinnahmungsversuche unverdächtig ist. Seine aus der Zeit gefallene Industriearchitektur, in der mächtige Lautsprecher mit ehernen Zungen über dem Publikum schweben, verbreiten Endzeitstimmung. Und auch wenn die Türsteher, die strengen Cherubim des Nachtlebens, jeden einlassen, der Lux Aeterna erleben will, so trotzt der Ort der Entweihung, weil sich in seinen düsteren Katakomben selbst touristisch Interessierte in urbane Höhlenmenschen verwandeln.

Archetypische Elemente spiritueller Musik wie Bordunklänge oder Obertonspielereien finden sich in fast jeder der stilistisch äußerst vielfältigen Beiträge: Im Eröffnungsstück, Gérard Griseys „Anubis-Nout“ für Kontrabassklarinette, lockt Theo Nabicht die letzten Zuhörer genau in dem Moment von der Bar, als er in einen Dialog mit den von ihm erzeugten Obertönen eintritt. Auf Bierkisten kauernd lauscht man dann Dietmar Daths Vortrag „Die Zukunft von Tod“: einer leicht säuerlich vorgetragenen Aneinanderreihung anregender aphoristischer Gedanken und Anekdoten, welche die Stelle einer Predigt einzunehmen scheint. Über die angesprochene „Scheingesprächigkeit“ transzendierender Musik lässt es sich trefflich bei dem doppelchörigen Programm des Ars Nova Ensembles unter Sabine Wüsthoff nachdenken: Leider leidet György Ligetis „Lux Aeterna“ etwas unter der für ein solch auratisches Chorwerk zu trockenen Akustik. Eine echte Trouvaille ist dagegen Claude Viviers „La Mort & Après la Mort“ von 1977: Ein Requiem, das mit buchstäblich großem Tam-Tam, eingestreuten Schluchzern und Abschiedsrufen („Bist du schon weg?“) Naivität, Pathos und Komik der menschlichen Auseinandersetzung mit den letzten Dingen zusammenzwingt. Einen anderen Tod stirbt Lê Quan Ninh, der seiner großen Basstrommel mithilfe von schabenden Becken und kullernden Tannenzapfen über weite Strecken elektronisch-spacige Klänge entlockt und so bei höchst physischer Klangerzeugung im erklingenden Ton als Mensch zu verschwinden scheint.

Sein Beitrag markiert den Übergang zu einer rauschhaft-hypnotisierten Musizierhaltung, der auch Evan Parker & Kammerflimmer Kollektief in ihrer Hommage an den Freejazzer Albert Ayler huldigen: Ein Fest aus purer Energie, bei dem sich zeitlos ausgehaltene Bordunklänge und mantraartig wiederholte Phrasen selbstverständlich mit komplexesten Geräuscheruptionen von Saxofon und E-Gitarre verbinden. Zum Ende des Eröffnungsabends erlebt die Idee von der Auflösung des Menschen in der Maschine eine drastische Steigerung: Die Gewalt von Kevin Drumms Elektrosoundepos „We Get It In The End“ lässt die Körper der Zuhörenden wie unter Starkstrom vibrieren und den eigenen Brustkorb wie von einem implantierten Maschinenkolben wummern. So interessant diese Grenzerfahrung ist: Wer sein Gehör noch braucht, der geht jetzt besser.

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