Kultur : Luzifer in Latex

KINO

Jan Schulz-Ojala

Sie wohnen furchtbar provinziell, aber hübsch exotisch (auf ihrem Spielplatz am Rande der Welt). Sie leben in ziemlich tumben Verhältnissen, aber das gleichen sie mit enormer Power aus (die meist plötzlich verpufft). Sie sind verdammt einsam groß geworden, aber bleiben mit den Alten unter einem Dach (und sei’s nur, um gegen die Kälte zusammenzurücken).  Oder so: Sie sind genau wie wir, nur irgendwie total anders – vielleicht ist es das, was wir an den Isländern und ihrem Inselchen so lieben.

Mit Dagur Karis „Nói Albinói“ (vgl. Tagesspiegel vom 15. November) und Ragnar Bragasons Fiasko sind jetzt gleich zwei neue isländische Filme angelaufen, bei denen auch moderne Kontinentalsingles winterwärts so richtig zusammenrücken können. Die Helden trinken bevorzugt durchsichtige Getränke aus durchsichtigen Flaschen, sie hängen sich rührende Pinups in ihre verranzten Wohnzimmer, und wenn sie sich hinauswagen in die kalte Welt, füttern sie am liebsten die „Potti“-Groschengräber oder frönen dem Aberglauben des Kaffeesatzlesens. Und als sei all dies noch nicht skurril genug, stürzen schon mal zehn Liter Blut aus dem Kochtopf über Papa und Oma.

Womit aber die Parallelen schon enden. Anders gesagt: Wem das Lachen irgendwann verging in „Nói Albinói“ (und es soll ihm vielleicht ein bisschen zu gründlich vergehen), dem wird es in „Fiasko“ irgendwann mit der Peitsche wieder ins Gesicht getrieben. „Fiasko“ erzählt nicht von einem einzigen rührenden Absonderling, dem das Schicksal eines Tages seinen zynischsten Hauptgewinn namens Leben schenkt, sondern von gleich drei Leutchen ziemlich neben der Spur. Julia (Silja Hauksdottir) treibt’s mit zwei Männern – und treibt sie mit ihrer halluzinierten Schwangerschaft in ein punktgenau vorhersehbares Totlach-Zusammentreffen. Ihre sturzdumme Mama Steingerdur (Margret Akadottir) schwärmt für einen ausgeflippten Evangelisten mit luziferischen Latex-Neigungen, weshalb das Drehbuch auch ihre Fürsorglichkeit auf eine punktgenau vorhersehbare Probe stellt. Und Opa Karl (Robert Arnfinnsson) verliebt sich in eine sehr, sehr ehemalige, vielleicht auch nur eingebildete Schauspielerin mit munter voranschreitendem Alzheimer, die sich überwiegend für Ingrid Bergman hält.

Komisch bloß: Diese hysterische Boulevardkomödie ohne Boulevard hebt nie richtig ab. Vielleicht, weil ihre Figuren immer nur einen selben Reflex bedienen sollen – das Klischee der total verrückten isländischen Großfamilie mit umgekehrtem Schneeräumpflugdüsenantrieb. Und vor lauter Angst, nicht deutlich genug zu sein, trampelt der Film jede Sekunde überdeutlich auf der Stelle. Trotzdem, ein Gutes hat das Zufallsdoppel dieser Tage: Es zeigt, welch extrem verschiedene Filme man mit verblüffend ähnlichem Ausgangsmaterial machen kann.

Nicht, dass „Nói Albinói“ das Kino gleich neu erfunden hätte, aber der Film fügt ihm ein, zwei bleibende Bilder hinzu. „Fiasko“ dagegen kann kaum laufen vor Selbstgewissheit. Oder vor Koketterie? Schon der Titel ließe darauf schließen.

Eiszeit (OmU), Neues Kant

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