Kultur : Lynchjustiz

Eoin McNamee rekonstruiert einen Skandal.

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Lange Zeit war Irland das Armenhaus Europas. Exemplarisch das nordirische Newry, das Ende der sechziger Jahre eine der höchsten Arbeitslosenquoten Westeuropas hatte. Hier rekonstruiert der 1961 geborene Ire Eoin McNamee einen historischen Justizskandal. 1961 wird das letzte Todesurteil Nordirlands an dem 26-jährigen Robert McGladdery vollstreckt. Er soll die 19-jährige Verkäuferin Pearl Gamble ermordet haben, obwohl die Anklage auf wackligen Indizien beruht. Der Prozess ist von Beginn an fragwürdig. Richter Lance Currans eigene Tochter wurde vor neun Jahren ermordet – auch dies ein historisches Ereignis, das McNamee zuvor in seinem mit dem Man Booker Prize ausgezeichneten Buch „Blue Tango“ verarbeitet hat.

Der Roman beschreibt minutiös die Geschehnisse, vermischt dabei aber immer wieder Fiktion und Wirklichkeit, indem McNamee die konstruierte Figur des Ermittlers Eddie McCrink einsetzt. Korrupte Polizeibeamte halten den Fall von ihm fern, so dass McCrink machtlos zusehen muss, wie die ganze Stadt sich daranmacht, McGladdery zu lynchen. Es besteht ein stummer Konsens darüber, dass der aufschneiderische Nichtsnutz McGladdery mit seiner Vorliebe für Bodybuilding und billige Krimis an den Galgen gehört. „Eine faire Rechtsprechung ist ein Nebenprodukt unserer Justiz, nicht ihr Sinn und Zweck“, lässt McNamee Richter Curran bemerken.

Wollte man „Requiem“ nur als politischen Krimi lesen, wäre er wenig befriedigend. Ein vorhersehbares Szenario, nicht übermäßig spannend erzählt, mit emotionslosen Hauptfiguren, die bis auf den Angeklagten seltsam blass bleiben. McCrink beobachtet zwar alles um sich herum mit einer Mischung aus trockener Gnadenlosigkeit und ehrlichem Interesse, gibt aber wenig von seinen eigenen Gedanken preis, so, als ginge ihn sein Job nichts an. Das Erschütternde liegt in der Tatsächlichkeit der Geschichte.

McNamee gelingt indes ein stimmungsvolles Porträt des Klimas, in dem ein solcher Justizirrtum entstehen konnte. Sein Provinzkaff erinnert an das Lovecraft’sche Innsmouth, eine verwahrloste, im Verfall befindliche Küstenstadt. Er lässt tote Gegenstände und Orte sprechen, sie verraten mehr über den Fall als die Bewohner von Newry.

Suggestiv beschreibt er ein deprimierendes Niemandsland, leere, halb untergegangene Orte, mit Algen übersäte Badestellen, postindustrielle Ruinen, in denen schmutzige Kinder mit Hautkrankheiten herumstreunen. So bietet „Requiem“ durch seine gelungene Verquickung von Historie und Fiktion willkommene Abwechslung für Krimi-Leser und kann gleichzeitig durch seine scharfsinnigen Beobachtungen, die stets genüsslich vor der Grenze zum Bösartigen verweilen, als Milieustudie von hoher sprachlicher Eleganz gelesen werden. Erik Wenk

Eoin McNamee:

Requiem. Roman. Aus dem Englischen von Hansjörg Schertenleib. dtv, München 2013. 340 Seiten, 14,99 €.

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