Kultur : Lyrik: Der Zauber der Zigarrenkiste

Katrin Hillgruber

Mittsommer, das bedeutet Halbzeit, Innehalten, Ausatmen. Im Tabakspeicher von Bünde, einem hochaufragenden Backsteinbau aus dem Jahr 1896, mischt sich in jeden Atemzug Tabakduft. Einst beschäftigten die ostwestfälischen Zigarrenmacher eigene Vorleser, die sie mit Novellen, Gedichten und Zeitungsartikeln unterhielten und zugleich der filigranen Arbeit des Tabakrollens den Rhythmus vorgaben. Brigitte Labs-Ehlert, Leiterin des Literaturbüros Ostwestfalen-Lippe, nutzt das lokale Handwerk als Metapher, wobei die Qualität der Veranstaltungen diese vor jeder folkloristischen Tendenz bewahrt.

Im Rahmen der hochkarätig besetzten Reihe "Wege durch das Land" lud sie im Mai die Dichterin Dorothea Grünzweig, die Schauspielerin Angela Winkler und die Kontrabassistin Joëlle Léandre zu transparenten bis zerbrechlichen Darbietungen in die Glashütte Gernheim ein. Mit dem Schweizer Architekten Peter Zumthor und namhaften Lyrikern wie Amanda Aizpuriete, Thomas Kling oder Peter Waterhouse verfolgt sie das Projekt "Poetische Landschaft". Das ist die reale Utopie, im geschwungenen Lippischen Bergland Orte für Gedichte zu schaffen, neun monochrom strahlende Häuser, die sich um eine "Bibliothek der Landschaft" in Bad Salzuflen gruppieren.

Zur Halbzeit von "Wege durch das Land" duckten sich Hunderte Menschen unter Blattbündeln aus Sumatra, die wie schlafende Fledermäuse an aufgespannten Schnüren hingen. Derek Walcott las im Tabakspeicher von Bünde aus seinem lyrischen Logbuch "Mittsommer", ihm zur Seite sein deutscher Übersetzer Raoul Schrott. Die Randlage Ostwestfalens verband sich mit der Karibikinsel St. Lucia, Walcotts Heimat "an der Peripherie der Welt, wo die Sprachen ausfransen", zu einem ungeahnt schöpferischen Koordinatensystem.

"Wenn man einmal den Äquator überschritten hat, wandelt sich die Identität des Menschen", heißt es in dem Versepos "Omeros". In ihm machte sich der Nobelpreisträger des Jahres 1992 auf die Suche nach verschütteten Namen und Traditionen in einer Region, die bis heute an der kolonialen Fremdbestimmung leidet. Doch Derek Walcott ist kein Ankläger, sondern ein Sänger. Die sinnliche Farbkraft und Plastizität in "Mittsommer", einem Zyklus, den nur die Hitze thematisch zusammenhält, hat Raoul Schrott mit dem größten Respekt vor dem Original in ein energetisches, vielstimmiges Deutsch gebracht. Am kommenden Sonnabend werden die außergewöhnlichen "Wege durch das Land" auf Schloss Corvey fortgesetzt.

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