Kultur : Lyrisches Doppel

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SOTTO VOCE

Jörg Königsdorf wirft seine Silberscheiben auf den Scheiterhaufen

CDs sind gemein: Jeder hat sie im Schrank, obwohl sie einem immer wieder den Spaß daran verderben, in die Oper zu gehen. Gerade erst letzten Sonntag, bei der Premiere des neuen „Don Giovanni“ an der Komischen Oper zum Beispiel: Wer nie eine Vergleichsaufnahme gehört hätte, wäre vermutlich mit dem zwar darstellerisch agilen, aber stimmlich mausgrauen Dietrich Henschel als Frauenverführer ganz zufrieden gewesen und hätte sich wohl auch gar nicht daran gestört, dass die Damenriege so austauschbar klang. Aber das sind nun mal die wenigsten: Wer einmal gehört hat,mit welcher einschmeichelnden Subtilität ein Hakan Hagegard die Frauen um den Finger wickelt (in der OriginalklangAufnahme mit Arnold Östman) oder welch aristokratischer Machismo in der Stimme von Bo Skovhus mitschwingt, wenn er den Verführer singt (und vor kurzem erst für Naxos aufgenommen hat), der wird denn doch in der Komischen Oper eine ganze Menge vermisst haben. Und wie zur Bekräftigung desselben kommen ausgerechnet diese beiden Baritone gerade jetzt nach Berlin - und sogar mit dem gleichen Stück, nämlich Alexander Zemlinskys „Lyrischer Sinfonie“ auf Verse des indischen Lyrikers (und Nobelpreisträgers) Rabindranath Tagore. Den Anfang macht Skovhus, der heute und morgen noch beim Berliner Sinfonie-Orchester und dessen Ex-Chef Claus-Peter Flor zu Gast ist. Zusammen mit der Sopranistin Luba Orgonasova haben die beiden dieses ausladende Pendant zu Mahlers „Lied von der Erde“ auch schon eingespielt, und die Slowakin ist auch diesmal mit dabei. Hagegard folgt am Donnerstag, ebenfalls im Konzerthaus , und hat nicht nur für den Sopranpart die wunderbare Christiane Oelze, sondern sogar das Orchester der Komischen Oper und dessen Chefdirigenten Kirill Petrenko an der Seite. Nur in den „Giovanni“ sollte man am besten nicht kurz vorher oder gleich darauf gehen. Und die CDs lässt man auch lieber im Schrank.

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