Kultur : Machen die das alles ohne Instrumente? Die Deutsche Beatbox- Meisterschaft in Berlin

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Um seinem Auftritt im Festsaal Kreuzberg ein Extra zu geben, hält sich Babeli das Mikrofon an den Hals und legt los. Stakkatohaft erklingen einzelne Geräuschfragmente. „Okay, jetzt Minimal-Sound“, ruft der Künstler ins johlende Publikum und im ausverkauften Haus ertönt elektronische Musik. Auch die Jury ist überzeugt, kurz darauf ist der 18-jährige Robin Calderolla aus Marburg – Bühnenname Babeli – Deutscher Meister im Beatboxen.

Das Nachahmen von Rhythmusinstrumenten mithilfe von Mund, Rachen und Nase entstand innerhalb der Hip-Hop- Bewegung der achtziger Jahre. Ein Aktivist der ersten Stunden ist der Berliner Bee Low, er veranstaltet seit 2002 die Deutsche Meisterschaft und mischt auch bei der Organisation der WM mit, die im Herbst dieses Jahres ebenfalls in Berlin stattfindet. „Wir hatten heute Zuschauer aus mehr als zwei Dutzend Ländern im Internet, in ganz Europa ist die Szene unglaublich aktiv“, sagt Bee Low, der seine eigene Position als „Musik-Missionar“ beschreibt. Seine Non-Profit-Marke „Beatbox Battle“ hat sich zu einer Anlaufstelle der internationalen Szene entwickelt, das Selbstvertrauen der Künstler ist entsprechend groß. „Ich bin Teil der Beatbox-Szene, nicht des Hip-Hops“, sagt Babeli.

Auf der Bühne wird der Kampf um den Titel des Landesbesten zu einer wilden Mischung aus Rap-Party und den sogenannten Battles: Zwei Kontrahenten stehen sich gegenüber, jeder hat zweimal 90 Sekunden Zeit, nur einer kommt weiter. Das Mikrofon wird eng mit den Händen umschlossen, die Mützen hängen tief ins Gesicht. Zwischen den Zweikämpfen kommen internationale Showacts auf die Bühne, präsentieren neue Techniken und beweisen immer wieder, dass der gesamte Mensch ein Resonanzkörper sein kann – ein Mikrofon auf dem Bauch plus Rücken-Klopfen ergibt ein vibrierendes Trommeln. Und die Zuschauer fragen ungläubig: „Machen die das alles ohne Instrumente?“

Doch es ist nicht nur die Gleichzeitigkeit von Beat, Bass und Sprechgesang, die zählt, wie der unterlegene Finalist Robeat berichtet: „Es ist auch Entertainment, man muss das Publikum mitnehmen.“ Der 22-Jährige ist hauptberuflicher Beatboxer und präsentiert sich am heutigen Montagabend zusammen mit Babeli bei Stefan Raab. Außerdem tritt er bei Firmenfeiern und Parties auf, demnächst sind Auftritte mit einem Symphonie-Orchester geplant.

Im Festsaal macht Organisator Bee Low um Mitternacht eine dringende Durchsage: nicht Volljährige müssten jetzt nach Hause gehen, so sei nun mal das Gesetz. Nur gut, dass der neue deutsche Champion diese Altersbarriere kürzlich genommen hat. Als Preis bekommt er am Ende: ein Mikrofon. Nik Afanasjew

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