Kultur : Macht Arbeit glücklich, Monsieur Houellebecq?

Monsieur Houellebecq[bis vor nicht allzu langer Z]

Michel Houllebecq, 1958 auf La Réunion geboren, hat mit seinen Romanen "Ausweitung der Kampfzone" (Wagenbach) und "Elementarteilchen" Weltruhm als gnadenloser Kritiker der Konsumgesellschaft erlangt. Auch als Lyriker, Essayist und Musiker ("Présence Humaine") hat der Franzose einen Namen. Im DuMont-Verlag ist gerade sein Roman "Plattform" erschienen, der sich wie der skandalumwobene Vorgänger mit Houellebecqs Lieblingsthema beschäftigt: der Unmöglichkeit sexuellen Glücks.

Monsieur Houellebecq, bis vor nicht allzu langer Zeit glaubte man, dass die wahre Unterdrückung des Menschen in der Arbeitswelt stattfindet. Wenn man Ihre Romane liest, kommt man zu dem Schluss, dass sie sich eher in die Freizeit verlagert hat.

Ja... Zuguterletzt ja. Schon weil man in den Ferien zum Glücklichsein verpflichtet ist. Trotzdem kann niemand verordnen, dass wir uns amüsieren. Unabhängig davon hat jede Arbeit etwas von Unterdrückung. Wobei das Seltsame ist, dass man sich in gewisser Weise immer selber unterdrückt.

Marx hat die Befreiung vom Diktat notwendiger Arbeit und die Verkürzung des Arbeitstages noch als Grundbedingung menschlicher Freiheit betrachtet.

Einige Dinge müssen einfach erledigt werden. Die meisten dieser Tätigkeiten interessieren nur niemanden. Deshalb bemüht sich jeder wenigstens um ein Minimum an Freiheit. Warum die Menschen arbeiten, ist die Frage. Im allgemeinen wohl für Geld.

Manche betrachten Freude an der Arbeit als Grundvoraussetzung menschlichen Glücks.

Das ist sicher wahr. Doch es ist unmöglich. Politisch ist die Frage auch noch nie gelöst worden. Es ist einfach unmöglich. Manche Arbeiten sind schrecklich, manche langweilig, manche gefährlich und manche regelrecht abstoßend. Deshalb gibt es für viele Arbeiten auch so wenig Anwärter. Irgendjemand muss die Straßen sauber halten, den Müll beseitigen und die Regale in den Geschäften einräumen. Marx hat sich diese Frage nie gestellt. Und die kommunistischen Regimes sind daran gescheitert, dass niemand gearbeitet hat. Die Produktivität ging gegen Null. Die Leute haben wohl vor allem gearbeitet, weil sie Angst hatten.

Angst wovor?

Gefeuert zu werden.

Lässt sich Ihr Beruf mit dem eines Krankenpflegers oder Klempners vergleichen?

Was ich tue, ist keine Arbeit. Obwohl es ein Handwerk ist.

Heißt das, dass Arbeit und Freizeit für Sie persönlich keine Gegensätze sind?

Genau.

Heißt das auch, dass Sie sich nie zum Schreiben zwingen müssen?

Niemals.

Kurz nach ihrem Diplom als Agraringenieur sind Sie arbeitslos geworden. War das eine Demütigung für Sie oder eine Befreiung?

Weder noch. Ich hatte einfach ein Geldproblem. Und weil ich nur kurz beschäftigt war, hatte ich auch kein Anrecht auf Arbeitslosengeld. Damals war übrigens fast jeder arbeitslos. Ich kenne kaum jemanden aus meiner Generation, der sofort eine Arbeit gefunden hätte.

Und das wird sich vermutlich nicht so schnell ändern. Unser Wirtschaftssystem ist darauf angelegt, dass einige überbeschäftigt sind und andere nichts zu tun haben. Über sinnvolle Arbeit im Dienst der Gesellschaft machen sich die wenigsten Gedanken.

Der einzige Autor, den ich gelesen habe und der sich mit dieser Frage beschäftigt, ist Charles Fourier.

Ein Frühsozialist, der das industrielle Elend anprangerte und für Genossenschaften plädierte, die zum Reichtum aller führen sollten. Als Vorkämpfer für die freie Liebe war er ja auch für Ihren Roman "Elementarteilchen" wichtig.

Ich bin mit Fourier zwar noch nicht durch, weil er fast unlesbar ist. Doch er hat die eigenartige Theorie, dass alle Leidenschaften, auch die negativen, von Nutzen sind. Zum Beispiel hat er vorgeschlagen, bei abstoßenden Arbeiten den kindlichen Sinn für das Wühlen im Dreck zu mobilisieren. Als Gedanken finde ich das ziemlich originell. Die kapitalistische Antwort besteht ja eher darin, eine zusätzliche Gratifikation zu gewähren. Es gibt allerdings technologische Lösungen: die vollständige Automatisierung.

In den sechziger Jahren wurde in Deutschland der "Werkkreis Literatur der Arbeitswelt" gegründet. In den Texten, die entstanden, haben sich die Autoren vor allem mit dem Fabrikalltag beschäftigt. Egal, ob das nun literarisch bedeutsam war: Heute ist Wirtschaft kaum ein Thema. Ihr Roman "Ausweitung der Kampfzone" ist eines der seltenen Beispiele für die Erkundung der Arbeitswelt. Muss die Literatur sich das Terrain Arbeit neu erobern?

Zweifellos. Das Problem besteht darin, dass Schriftsteller die Arbeitswelt größtenteils einfach nicht kennen. Der einzige ihnen vertraute Bereich sind die Schulen und Universitäten. Vielleicht noch ein bisschen der Journalismus. Meine Figuren in der "Kampfzone" stehen auch nur für einen winzigen Ausschnitt des Angestelltendasein. Das Desinteresse hat aber auch damit zu tun, dass Arbeit oft sehr langweilig ist. Wer will schon das Leben einer Sekretärin kennenlernen?

Führt Literatur nicht immer in unbekannte Bereiche? Vielleicht sind zehn Prozent Recherche, der Rest ist Imagination.

Ich hätte Angst, so etwas zu tun. Mit einem Arbeiter ist es vielleicht noch schlimmer, weil er für mich ein völlig unbekanntes Wesen ist. Aber nehmen wir ein Beispiel, dem man täglich begegnet: die Kassiererin im Supermarkt. Wie macht man daraus ein interessantes Buch?

Sie leben in Irland, das ausländischen Unternehmen hohe Steuererleichterungen gewährt. Eine ganze Reihe von deutschen Gastarbeitern ist dort etwa im Dienst der Telekom in Callcentern tätig. Haben Sie mitbekommen, was für eine künstliche Gesellschaft da entsteht?

Ich lebe ja auf dem Land. Dort gibt es keine Callcenter. Aber es ist schon komisch. Die ganze Wirtschaft ist ein Rätsel. Es muss wohl genügen, dass das Ganze funktioniert. Die Iren sind keine ausgesprochenen Arbeiter, jedenfalls weniger als die Deutschen. Dass da einfach auf Grund niedriger Steuern etwas geschieht, ist schon erstaunlich - auch wenn es nicht an asiatische Verhältnisse heranreicht, die immer mit Metaphern wie die Welt der neuen Drachen beschrieben werden. Die Konsequenz in Irland ist, dass der Staat arm ist. Die öffentlichen Einrichtungen funktionieren schlechter als anderswo.

Sie sind in diesen Tagen Gast des Literarischen Colloquiums Berlin. Was haben Sie von der Stadt gesehen?

Praktisch nichts. Ich habe Kleists Grab besucht. Sonst bin ich die meiste Zeit hier am Wannsee geblieben und habe darauf gewartet, dass es Abend wird.

Sie haben keinen Ausflug in den Osten unternommen?

Nur ganz kurz. Es ist ein sehr ruhiger Aufenthalt für mich.

Sie haben gearbeitet.

Man könnte es so nennen...

Sind Sie froh, Ende der Woche wieder abzureisen?

Nicht wirklich. Es ist hier sehr angenehm. Eine ruhige Stadt, fast uneuropäisch. Berlin erinnert mich ein wenig an Amerika. Man kann überall parken. Versuchen Sie das mal in einer anderen europäischen Metropole.

Wenn schon Frühling wäre, könnten Sie mit einem Boot über den Wannsee fahren.

Schnee ist auch nicht schlecht.

Es schneit doch gar nicht.

Momentan nicht. Wenn man hinausschaut, hat man eher einen Meerblick.

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