Kultur : Macht der Medien: Das Ende der Gleichschaltung

Caroline Fetscher

Im Belgrader "Hotel Park" sind drei Herren aus England abgestiegen. David Seymour, Peter Hiscocks und Guy Adams sind als "Demokratie-Trainer" angereist. "Es ist, als würde man mit einem Fallschirm in einer anderen Epoche landen. Alles muss erlernt werden hier!" Die altgedienten BBC-Mitarbeiter wollen Angestellte des serbischen Staatssenders RTS (Radio Televizije Srbije) schulen.

Entsandt von der britischen Thomson-Stiftung, die sich darauf spezialisiert hat, jungen Demokratien beim Aufbau unabhängiger Medien zu helfen, landeten die drei in den Labyrinthen jenes gigantischen Senders, dem so große Mitschuld am Aufstieg des serbischen Despoten gegeben wurde, dass er auch zum Ziel von Nato-Bomben wurde. Die Propaganda des Regimes sickerte über den Äther ins Land, während die unabhängigen Medien Sand ins Getriebe der Brainwash-Maschine streuten. Als die Sandkörner Wirkung zu zeigen begannen, vor etwa zwei Jahren, schalteten mehr und mehr Bürger den Staatssender aus. Sie wollten andere Programme. Jedes Mal, wenn jemand am Radio- oder Fernsehknopf drehte, um etwas Neues zu finden, bereitete sich der Wechsel einmal mehr vor: Es waren Wahlen vor den Wahlen. In diesen Augenblicken begann der Fall der Kleptokratie von Arkan, Milosevic und ihrer kriminellen Klientel: das Ende der Gleichschaltung.

Keine Revolution kommt ohne das Vervielfältigen von Informationen und Meinungen zu Stande. In der Französischen Revolution waren es Flug- und Streitschriften. Die modernen Machtinstrumente, Fernsehen, Radio, Massenpresse, Internet, sind gefährlicher und chancenreicher als ihre Vorgänger. Wer sie kontrolliert, hat die Herrschaft über die Köpfe. Sind die Medien frei, entfaltet sich eine freie Debatte. "Im Staatssender haben sie davon keinen Begriff!" Der britische Medientrainer David Seymour ist immer noch erstaunt. "Sie haben gelernt, einem Minister ein Mikrofon hinzuhalten, zu nicken, wenn er etwas sagt, und das zu senden."

Die 8000 Journalisten von RTS waren Berichterstatter eines modernen, korrupten Hofes. Selbst dem "kleinen Mann von der Straße", beliebtes Objekt von Spontan-Interviews, hat man stets eingetrichtert, wie sein Satz lauten musste. So wurden die Interviewten zu Laiendarstellern, über die das Regime Regie führte - und das Wesen von Regie ist Manipulation. "Jeden Nachmittag kamen die staatlichen Zensoren zu uns in den Sender", erzählt der langbärtige Dragan Milanovic-Pilac, der zwanzig Jahre lang Nachrichten für RTS produzierte. "Wir durften nicht mal einen Sportler oder Filmstar interviewen, der irgendwann was gegen die Regierung gesagt hatte."

Anfang Dezember hatten sich die drei Engländer auf den Weg nach Belgrad gemacht, hergebeten von der EU und von der britischen Botschaft in der serbischen Hauptstadt. Im Sender, der nach der Bombardierung am 22. April 1999 aus der Innenstadt in die ehemaligen jugoslawischen Filmstudios Kostunjak am Stadtrand umziehen musste, traf sie der erste Schock. "Niemand wusste von uns oder war auf uns vorbereitet, es gab keine Chefredaktion, keine Ressortleiter, keine Hierarchien. Und keinen Raum für Seminare. Es herrschte eine halbwegs funktionierende Anarchie." Misstrauische Gesichter begegneten dem Trio, das nichts weiter als professionelles Training anbieten wollte. Zum ersten Gespräch erschienen sechzig Mitarbeiter, dann wurde der Andrang größer. Täglich pendelten die Trainer zwischen Hotel und Hügel hin und her. Im Februar wollen sie wiederkommen.

Krisenstab im Maskenstudio

Wer dann allerdings von ihrem Training profitieren wird, ist ungewiss. Abwickeln solle man den Sender, sagen viele. Denn wer immer dort geblieben sei in den Jahren der Schreckensherrschaft, habe sich schuldig gemacht. "Wir mussten ja von irgendwas leben!", klagt die 50-jährige Ksenia Jovanovic, Justiziarin von RTS. Sie und ihre Kollegen haben Angst vor drohenden Entlassungen. Kurz nach dem Sturz von Milosevic am 5. Oktober hat Jovanovic mit dreißig Kollegen ein Gewerkschaftskomitee gegründet, deren "Krizen Stab" in einem Maskenstudio der ehemaligen Filmstudios zwischen alten Schreibmaschinen, Schminktischen und Spiegeln tagt. Ihr Kollege, der Toningenieur Predrag Mickovic, führt durchs Gebäude. An allen Türen kleben selbst beschriftete Namensschilder, in den Studios drängen sich die Mitarbeiter vor alten Bildschirmen, am Boden liegt Kabelsalat.

Die Pförtner plaudern und achten auf keinen, der kommt oder geht. Mit dem Abschied von der Macht, sagen sie, war alles möglich. Einige alte Mitarbeiter, wie die beliebte Gordana Susa, kamen eine Zeit lang zurück, um unentgeltlich Sendungen zu produzieren. Das Verhältnis zwischen kritischen Kollegen und solchen, die ihre berufliche Vergangenheit verdrängen, ist immer noch unklar. Praktische Richtlinien fehlen ebenso wie Sicherheitsvorkehrungen im Gebäude. Ob man fragen muss, wenn man in den Studios fotografieren will? "Wen wollen Sie fragen?", lächelt nachsichtig der Tontechniker. "Niemand ist zuständig." Stolz führt Mickovic durch die Hallen mit den Filmrequisiten. Lauter Sperrholzstädte könnte man aus dem Material bauen, das hier verstaubt - so wie die fiktive Welt, die das Regime dem Volk vorspielte.

Etwa 5000 RTS-Mitarbeiter arbeiten in Belgrad, weitere 2000 in Novi Sad und 1000 im übrigen Serbien. Die hundert Mark Monatslohn zahlt der bankrotte Staat aus Einnahmen durch Werbung und Stromkunden. Ein Teil des Lohns wird direkt in Kantinenkost investiert, ein anderer in Busfahrkarten. "Viele arbeiten hier noch, weil es warm ist im Gebäude und weil sie zu essen bekommen", erklärt Medientrainer Peter Hiscocks. Den ehemaligen RTS-Chefredakteur, Dragoljub Milanovic hätten die aufgebrachten Mitarbeiter des Senders nach der Nacht des Umsturzes am 5. Oktober beinahe gelyncht: Sie geben ihm die Schuld am Tod von sechzehn Kollegen in der Bombennacht 1999. "Es gibt inzwischen Beweise, dass er 24 Stunden vorher präzise Warnungen von der Nato bekam", erklärt der Toningenieur. "Aber er wollte Märtyrer schaffen."

Die drei Briten begrüßen die gerichtliche Klage der Eltern der Getöteten - gegen Milanovic und dessen Stellvertreter Jovan Ristic. Nun wollen die Staatsanwälte Milanovics Pass einziehen - der erste Schritt zur Verhaftung. Wie die meisten staatlichen Manager soll sich der Chefredakteur von RTS außerdem bereichert haben und für jede Million Profit eine weitere aufs eigene Konto geschoben haben.

"Wir wurden satanisiert"

Abschied vom Szenario der Medienkorruption, das war die Devise von Hunderten, die schon vor Jahren statt der staatlichen Auftraggeber private und unabhängige Medien suchten. "Wir haben vor allem von Kartoffeln gelebt, die ganze Familie, jahrelang", erklärt Veselin Simonovic, Chefredakteur der Oppositionszeitung "Blic" (sprich: Blitz). "Dennoch kamen die Besten zu uns." In den geröteten Augen von Simonovic liest man eine traurige Heiterkeit. Bärtig, müde, uneitel begegnet Simonovic der Besucherin, im Hochhaus auf der Straße Marasikova 5, wo er 130 Mitarbeiter koordiniert. Die Zeit der Repressalien zu überstehen, hat sich für das "Blic"-Team gelohnt: Seit November gehört Blic zu 49 Prozent dem deutschen Medienkonzern Bertelsmann. "Wir können unseren Leuten jetzt 500 Mark im Monat zahlen."

Simonovic ist jetzt einer der Chefredakteure bei "Gruner + Jahr". Er kann es noch kaum glauben, wenn er die Hochglanzbroschüre des Konzerns auf den kahlen Tisch legt. "Blic"-Redakteure wurden von der Geheimpolizei observiert, die Auflage - heute etwa 200 000 - war ständig bedroht von Druckverboten, Gerichtsprozessen und Schikanen. "In den Abendnachrichten wurden wir namentlich als Verräter gebrandmarkt, wir wurden satanisiert. Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass ich keine Angst hatte." Jetzt will Simonovic, der der Demokratischen Opposition zur Macht verhalf, keineswegs deren Steigbügelhalter sein. "Chefredakteure anderer Zeitungen zeigen sich heute gern auf der Titelseite Arm in Arm mit den Köpfen der neuen Regierung. Das kommt für mich nicht infrage", sagt er. "Weiter kritisch und unabhängig bleiben, ist professionell. Alles andere nicht."

Journalisten wie Simonovic und die Crew des inzwischen weltberühmten Radiosenders B92 haben das Belgrader Regime mit gestürzt. Sie waren Zentren der Parallelgesellschaft der vergangenen Jahre. Aber ihr Stolz ist leise. "Alles, was unabhängig war, war automatisch Opposition", sagt der 40-jährige Aleksandar Timofejev, ein beliebter Moderator von B92. Er erinnert daran, dass es hunderte kleiner Radiosender in ländlichen Gebieten waren, die den Wechsel mitverantworten. "Es war keine Revolte der Städter allein, wie man so oft hört. Es waren auch und vor allem die Leute auf dem Land, die das Regime stürzten." Von B92 übernahmen die mobilen und couragierten Sender stündlich die Nachrichten, daneben produzierten sie ihre eigenen Programme.

Im Dezember lud der Dachverband der unabhängigen elektronischen Medien, ANEM, ins Belgrader Hotel Intercontinental, dem ehemaligen Treffpunkt der paramilitärischen Arkan-Tigers, zu einer Konferenz. Thema war die Demokratisierung der Medien. Für Serbiens Regenbogenpresse sind die "Arkan-Boys" inzwischen zum spannenden Mafia-Stoff avanciert, etwa wenn "Arkans Leibwächter beichtet". Diese Boulevardisierung nicht mitzumachen, darum geht es Simonovic, auch wenn er als guter Geschäftsmann durchaus etwas von Unterhaltung versteht. "Im Augenblick ist es für uns alle am wichtigsten zu verstehen, was wirklich geschehen ist", sagt er. Das ist zurzeit der wichtigste Stoff für Serbiens Medien: die Antwort auf die Frage, wer im Namen des Volkes gesprochen und gehandelt hat.

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