Kultur : Macht der Zahl

CHRISTINA TILMANN

Daß unsere Welt vielleicht vollständig unter dem Gesetz der Zahl steht, suggerierte unlängst beunruhigend eindringlich Hans-Christian Schmids Hacker-Film "23".Die magische Zahl 23, so glaubte der Protagonist, bestimmt die Welt.Und schon taucht sie überall auf: In Hausnummern, Geburtsdaten, Dollarscheinen, Computerprogrammen.Jene Faszination für die Geheimnisse der Mathematik dominiert auch "Pi", das auf dem Sundance Festival 1998 gefeierte Filmdebut von Darren Aronofsky.Vom goldenen Schnitt des Pythagoras zum Chaoswirbel der Milch in der Kaffeetasse, von den unendlichen Möglichkeiten der Arrangements eines Go-Spiels bis zur geheimen Logik von Börsenkursen werden alle Mysterien aufgeboten, mit denen Numeralisten ihr Weltbild konstruieren.Manchmal sogar, manchmal scheint auch im Drehbuch so etwas wie eine Endlosschleife, eine Unschärfte oder ein konzentrischer Wirbel auf.

Das hätte man ausbauen können, hin zu einem Film, der auch technisch eine Parabel seines Themas wäre.Die an Bunuel angelehnte, dramatische Schwarz-Weiß-Photographie dieser Low-Budget-Produktion, die mit dämonischen Beleuchtungen und grobkörnigem Material arbeitet, hätte die passend surreale Stimmung dafür geboten.Stattdessen wählt Aronofsky den scheinbar leichter gangbaren Weg eines Thrillers.Das mathematische Genie Max Cohen, das Gleichungen im Kopf lösen kann und zurückgezogen in seinem Computerlabor lebt, sucht seit zehn Jahren nach einer geheimnisvollen Zahl, die aus 216 Ziffern besteht.Mit dieser magischen Weltformel gerät er in die Fänge einer Banker-Organisation, die in der Zahl die Vorhersage aller Börsenkurse vermutet, wie einer kabbalistischen Sekte, die in den 216 Ziffern den wahren Namen Gottes finden will.Am Ende liegt die Rettung im Vergessen.Das Mysterium der Zahl bleibt unangetastet.

In Berlin in den Kinos Blow Up, Eiszeit, Kant und Hackesche Höfe

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