• Machtsicherung um jeden Preis: Wilfriede Otto über den langjährigen Stasi-Chef Mielke

Kultur : Machtsicherung um jeden Preis: Wilfriede Otto über den langjährigen Stasi-Chef Mielke

Karl Wilhelm Fricke

Informativ, materialreich, wissenschaftlich fundiert und auf teilweise neue Archivalien gestützt - das ist der Eindruck des von Wilfriede Otto vorgelegten Werkes zum Werdegang Erich Mielkes und der Geschichte des von ihm geprägten und jahrzehntelang beherrschten Ministeriums für Staatssicherheit in der DDR.

Neben dem Gegenstand ist es die Vita der Autorin, die ihre Mielke-Biografie interessant macht. Die promovierte Historikerin, Jahrgang 1931, hat ihre wissenschaftliche und politische Sozialisation in der DDR erfahren. Sie studierte an der Universität Leipzig. Dann wechselte sie zum Institut für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der SED. Nach dem Umbruch in der DDR war sie am Institut für Geschichte der Arbeiterbewegung tätig. Heute lebt sie freischaffend in Berlin. Als Mitglied der Historischen Kommission der PDS hilft sie mit, die Geschichtspolitik der SED-Nachfolgepartei abzuzirkeln. Was hat eine Historikerin dieses Zuschnitts zu einem Mann zu sagen, der sich als "Tschekist" begriff - abgeleitet von TscheKa, der von Lenin begründeten Geheimpolizei der Bolschewiki?

Wilfriede Otto schrieb ihr Buch aus kritisch-sozialistischer Sicht. Zuweilen fast selbstquälerisch sucht sie die Auseinandersetzung mit Mielke, den Stalinisten par excellence, mit seinen hinterhältigen Rankünen und seiner fanatischen Hingabe "an die Partei", wobei sie seine Biografie breit in den Kontext von Politik und Zeitgeschichte einbettet. Insofern ist ihr Buch ein wichtiger Beitrag zur Analyse der personellen und strukturellen Entwicklung des MfS. Zudem wird untersucht, inwiefern MfS und russischer KGB kooperierten.

Ungeachtet einer gewissen Nachsicht für Mielke, dem sie historisch gerecht werden will, zögert Wilfriede Otto nicht mit ihrem Urteil: "Erich Mielke zeigte in seinem Wirken nie das Gefühl für politisches Unrecht und keine Toleranz Andersdenkenden gegenüber." Auch bescheinigt sie ihm "extreme Ich-Bezogenheit und Skrupellosigkeit". Sie porträtiert Mielke ohne Mythos, aber ihre Biografie ist ambivalent und, was das MfS anbelangt, nicht frei von Illusionen.

Abgeleitet aus dem seit 1968 gültigen MfS-Statut, erkennt sie dem Mielke-Imperium den Charakter einer "eigenständigen politischen und staatlichen Kraft" zu und widerruft ausdrücklich ihre bisherige Auffassung, "dass das Ministerium kein Staat im Staate war." Eine erstaunliche Fehleinschätzung, die im Grunde genommen die Politbürokratie der SED aus ihrer politischen Verantwortung für die Staatssicherheit und das von ihr verübte Unrecht entlässt. Indes ist der Autorin offenbar gar nicht bewusst, dass sie ihre These durch die Passagen ihres Buches, die die Instrumentalisierung des MfS als "Schild und Schwert der Partei" manifest machen, selbst widerlegt.

Otto rekapituliert die Wege, die Mielke Genosse der KPD werden lassen: von seiner Beteiligung an dem Doppelmord an zwei Berliner Schupos auf dem Bülowplatz 1931; als Paul Bach geht er in die Emigration nach Moskau; als Fritz Leissner kämpft er im Spanischen Bürgerkrieg; als Richard Hebel muss er ins belgische und französische Exil. 1945 taucht er wieder in Berlin auf. Eine beispiellose Karriere beginnt. Die Verfasserin zeichnet diese Karriere nach - Mielkes Funktionen als Staatssekretär im MfS seit 1950 und danach als Minister, immerhin von 1957 bis 1989, seine Wahl 1950 zum Mitglied des ZK der SED und endlich seinen Aufstieg ins Politbüro. Die Autorin arbeitet auch seine Rolle in der SED heraus, seinen Aufstieg in die Nomenklatura, sein Verhältnis zu Walter Ulbricht und zu Erich Honecker, gegen den er zuletzt, ein Mitverschworener von Egon Krenz, intrigiert und konspiriert hat. Das Ende kam am 3. Dezember 1989: Mielke wurde, nachdem er zuvor bereits als Minister zurückgetreten und aus dem Politbüro ausgeschieden war, auch aus dem ZK und aus der SED ausgeschlossen. Finale einer fatalen Karriere.

Im letzten Kapitel stellt die Verfasserin das gegen Mielke wegen der Mordsache Bülowplatz durchgeführte Strafverfahren vor dem Landgericht Berlin dar. Das gegen ihn ergangene Urteil von sechs Jahren Freiheitsstrafe charakterisiert sie als einen "Akt problembeladener Gerechtigkeit". Mit Mielkes Entlassung aus dem Strafvollzug in Berlin-Moabit am 1. August 1995 - er hatte dank Anrechnung der Untersuchungshaft zwei Drittel seiner Strafzeit verbüßt - war auch dieser Lebensabschnitt abgeschlossen. Zuletzt blieb ihm, nach fünf gemeinsamen Jahren mit Ehefrau Gertrud in einer Plattenbauwohnung in Hohenschönhausen, ein Platz im Alters- und Pflegeheim.

Ein wichtiger Verdienst von Otto ist, dass sie den Missbrauch des MfS zur Austragung von Machtkämpfen und Rivalitäten in der SED exemplarisch macht. "Parteilich zu klärende Fragen gerieten auf die Ebene der Staatssicherheit." Die Autorin arbeitet auch den schuldhaften Anteil heraus, den Mielke persönlich an der Verfolgung vermeintlicher Verräter in den 50er Jahren hatte. Gelegentlich hat er sogar selbst Vernehmungen durchgeführt. Immer nachts.

In langjährigen Recherchen hat Otto alle erreichbaren und relevanten Archive aufgesucht. Die des BND und der CIA blieben ihr allerdings verschlossen. Auch in Moskau fand sie zumeist nur verschlossene Türen. Schließlich befragte sie Zeitzeugen, darunter ehemalige Stasi-Offiziere. Erich Mielke selbst verweigerte sich. Auch ein Nachwort aus eigener Sicht mochte er nicht schreiben.Wilfriede Otto: Erich Mielke - Biographie. Aufstieg und Fall eines Tschekisten. Karl Dietz Verlag, Berlin 2000. 736 S. und CD-Rom. 48 DM.

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