Macugas „Android“ im Schinkel Pavillon : Der Android - ein Philosoph

Ein Android denkt über die Menschheit nach: Goshka Macugas beeindruckende Installation ist jetzt im Schinkel Pavillon zu sehen.

Claudia Wahjudi
Er zitiert Martin Luther King, Einstein und Gorbatschov: Macugas "Android", hier noch in der Ausstellung in der Prada Stiftung in Mailand. Foto: Promo
Er zitiert Martin Luther King, Einstein und Gorbatschov: Macugas "Android", hier noch in der Ausstellung in der Prada Stiftung in...Foto: Promo

Die gute Nachricht zuerst: Roboter werden Menschhinter der Staatsoper aufgebaut hat. Dort sitzt eine computergesteuerte Puppe, und was Technik heute ermöglicht, zeigt das Gesicht mit dem modischen Wuschelbart: Die Figuren nicht so bald ersetzen können. So lässt sich der Versuch interpretieren, den die Künstlerin Goshka Macuga im Schinkel Pavillon blinzelt, sie schaut ihr Publikum an, sie spricht. Auf den ersten Blick wirkt sie wie ein lebender Mann.

Macugas „Android“ hält einen Vortrag mit steilen Thesen – Zitate von Berühmtheiten wie Einstein, Gorbatschow und Martin Luther King oder auch Textbausteine aus Filmen von Chaplin oder Kubrick. Doch was machen an diesem Nachmittag die fünf anwesenden Besucher? Gesenkten Kopfes wischen sie auf ihren Telefonen herum. Zu einem Roboter muss niemand höflich sein.

Macugas zweiteilige Ausstellung „Now this, is this the end … the end of the beginning or the beginning of the end“ handelt vom Untergang der Menschheit. Das Thema scheint angesichts von Klimawandel und aktuellen Kriegen erneut dringlich, nachdem zwei Weltkriege, Holocaust und Atombomben bereits die Denker des 20. Jahrhunderts über das unheimliche Selbstvernichtungspotenzial des Menschen reflektieren ließen.

Machen Roboter exaktere Kunst?

Farbig lackierte Bronzebüsten von Politikern und Wissenschaftlern, die mit dem Thema vertraut sind, hatte Macuga bereits im Juni-Teil ihrer Schau im oberen Saal des Pavillons gezeigt. Mittels Stäben hatte sie die Abbilder zu einer großen Plastik verbunden, die einem Molekülmodell glich, einem Sinnbild für vernetztes Denken. Im unteren Saal platzierte sie einen der riesigen Industrietische ihrer Frühjahrsschau bei der Mailänder Prada Stiftung: eine lange, mit einer Papierbahn bespannte Metallkonstruktion. Ein Roboter zeichnete darauf filigrane Formeln, Notizen und Muster.

Dieser Tisch ist für den aktuellen Ausstellungsteil stehen geblieben. Auf den Zeichnungen liegen Artefakte, die Kollegen von Macuga beigesteuert haben: Nina Canell etwa lieh eine Art zerbrochenen Besenstiel, Björn Braun ein Vogelnest aus roten Kunststofffäden. Inmitten der Maschinenstriche wirken diese Gegenstände geradezu grob und altertümlich. Grundsatzfrage: Machen Roboter die exaktere Kunst? Und können Maschinen womöglich überzeugendere Visionen vom Frieden entwerfen?

Andererseits kann der Android nicht klüger sein als die Inhalte, mit denen die Künstlerin den Computer füttert: Aus der Figur sprechen vor allem männliche Geistesgrößen der nördlichen Hemisphäre. Dass deren Blick keineswegs die ganze Welt erfasst, weiß Macuga zwar genau. Doch auf die Frage, welche Passagen er aus Reden von Pazifistinnen und Unabhängigkeitskämpfern, etwa von Bertha von Suttner oder Ghandi, zitieren würde, gibt der Automat selbstverständlich keine Antwort.

Schinkel Pavillon, Oberwallstr. 1, Mitte, bis 18. September, Do–So 12–18 Uhr (Sommerpause bis 31. August)

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