Kultur : Madame Piranha

Aufklärung ist alles: Claude Chabrols Polit- und Justizthriller „Geheime Staatsaffären“ – mit Isabelle Huppert

Kerstin Decker

Dies ist der Begleitfilm zum Verkauf der DDR-Tankstellenkette „Minol“. Der französische Staats-Öl-Konzern Elf Aquitaine fiel Anfang der neunziger Jahre durch die Zahlung enormer Bestechungsgelder auf, auch und vor allem an Politiker. In Deutschland („Minol“!) hat man das nie so genau wissen wollen, in Frankreich schon. Es gab da eine Richterin mit dem Beinamen „Piranha“. Oder trägt sie den nur hier in Chabrols Film?

Vergessen Sie Elf Aquitaine! Dies ist ein Film über Piranha, und Piranha ist Isabelle Huppert. „Jede Ähnlichkeit mit bekannten Persönlichkeiten wäre, wie man sagt, unbeabsichtigt . . .“ So beginnt „Geheime Staatsaffären“. Das klingt sehr clever, das klingt, als wüsste man auch das, was man verschweigt. Aber wir sollten diesen Vor-Satz ruhig ganz wörtlich nehmen. Claude Chabrol interessiert sich gar nicht für die „geheimen Staatsaffären“, ihn interessiert allein Isabelle Huppert. Aber er ist klug genug, seiner Richterin einen Hintergrund zu geben – und ein nur fiktiver Hintergrund wäre hier viel zu wenig. Was fasziniert Chabrol an dieser Gesandten der Justitia? Genau das, was Chabrol schon immer an seinen Figuren interessiert hat. Ihre Herkunft.

Wir werden unsere Herkunft nicht los, sie bestimmt letztlich alles, was wir tun. „Piranha“ Jeanne Charmant kommt von unten, gewissermaßen. Keine Eliteschule, nichts außer der eigenen Kraft hat sie dorthin gebracht, wo sie ist. Und wo man sie fürchtet. Der Pariser Apothekerssohn Claude Chabrol ist besessen von dieser Versuchsanordnung – er ist in gewissem Sinn der letzte Marxist, ein Klassendenker, ein Klassenbeobachter, nur viel subtiler.

Ja, ja, die Arbeiterklasse befreit sich auch bei ihm, sie wird zum Beispiel Richterin, bekommt kleine scharfe Piranha-Zähne und trägt blutrote Handschuhe. Man kann ruhig so zerbrechlich und fast durchscheinend aussehen wie die Huppert, und der soeben verhaftete Chef des großen Unternehmens (das nicht Elf Aquitaine ist, wie man sagt) weiß doch sofort, dass er gegen diese Frau keine Chance hat. Nicht gegen diese Unbedingtheit, diese Entschlossenheit, diesen Willen – lauter Herkunftseigenschaften. Und auch Piranhas Großbürgermann, ein melancholischer Arzt (Robin Renucci), spürt dasselbe. Als der Personenschutz seiner Frau sich vor dem gemeinsamen Schlafzimmer postiert, ist sein Weltwiderstand gebrochen, rebellieren seine Nerven. Die Barbaren sind immer stärker als die Verfeinerten.

Barbaren können selbst in so ätherischen Hüllen wie dem Körper Isabelle Hupperts stecken. Und sie geben immer an, nichtbarbarische Ziele zu verfolgen. So wie Piranha. Aufklärung, Wahrheit um jeden Preis. Ihr entgeht nichts, auch nicht die 53 Orangenbäume und die 59 Zitronenbäume, die der Konzernchef seiner betrogenen Frau schenkte und zu denen die Rechnungen fehlen.

Eine Allbefugte, die gegen die Verbrechen der Allbefugten kämpft. Und die selbst im Rausch der Allbefugten lebt. Das ist ohne Zweifel eine zerreißende Konstellation. Aber es gibt einen Haken, nein zwei. Chabrol selbst glaubt eine Komödie gedreht zu haben, sagen wir, eine schwarze Komödie der Macht. Aber ist eine Komödie, in der es nichts zu lachen gibt, eigentlich eine Komödie? Der Schlagfertigkeit sind unbedingte Grenzen gesetzt – Konzernchef zur Richterin: „Ich hätte Sie mir größer vorgestellt.“ – Richterin retour: „Ich hoffe, Sie messen Kompetenz nicht in Zentimetern.“

Man wagt es kaum zu sagen: „Geheime Staatsaffären“ ist nicht der erste Chabrol-Film von beinahe überirdischer, faszinierender Langeweile. Manchmal sind die Konstellationen hinter den Sichtbarkeiten eben doch spannender als diese selbst. Natürlich gibt es bald Instanzen, die die besessene Richterin stoppen wollen. Das ist die Handlung, eine Allerweltshandlung. Und Isabelle Hupperts schönes Gesicht, das sonst wie ein Spiegel sein kann, spiegelt hier nur eins: die Frau, die weiter will. Die nur öfter müde wird, kreatürlich müde, zwischendurch.

Cinema Paris, FT Friedrichshain, Hackesche Höfe, Kulturbrauerei, Yorck

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