Kultur : Mächtig schwellen die Brüste

Jörg Königsdorf

Von wegen Provinz: Barockoper für Feinschmecker in Potsdam und eine musikalisch beglückende "Entführung" in Brandenburg/Havel

Eigentlich könnte das überall in dieser Republik sein: Einer dieser Kongress- und-Theaterbauten im Post-Achtziger-Jahre-Stil und ein Spielplan, der Klassiker wie "Entführung", "Freischütz" und "Tosca" verspricht. Was in Pforzheim oder Osnabrück seit Jahrzehnten der Normalfall wäre, ist in Brandenburg ein kleines Wunder: Noch vor Jahresfrist niemand darauf gewettet, dass in der Havelstadt je wieder regelmäßig Oper gespielt werden würde - erst recht nicht auf einem Niveau, das sich über die Landesgrenzen hinaus hören lassen kann.

Denn von der Wende an schien Brandenburg bislang das Musterbeispiel für einen Theatertod auf Raten: Das Ensemble wurde liquidiert, die Brandenburger Symphoniker spielten unter einem lustlosen Chefdirigenten auf einem Schlussplatz in der orchestralen Regionalliga. In die Schlagzeilen kam das Theater nur noch durch seine zahlreichen glücklosen Intendanten. Verfrühte Grabreden: Schon das "Weiße Rössl" im September war einErfolg, Mozarts "Entführung" zeigt jetzt noch frappierender, das der Verzicht auf die alten Strukturen auch eine künstlerische Chance bedeuten kann. Alle Sänger dieser "Entführung" sind vom freien Markt engagiert. Bis hin zum Chor, der zur Hälfte aus Staatsopern-Kräften besteht, profitiert Brandenburg dabei vom reichen Potenzial Berlins. Zustande kommt ein darstellerisch wie gesanglich typgerechtes Ensemble: Ein mit prachtvollem Bass auftrumpfender Osmin (Johannes Schmidt von der Komischen Oper), ein kultivierter Belmonte (Karl Schneider) und eine ebenso koloratursichere wie dramatische Konstanze (Silvia Weiss).

Spektakuläres Regietheater wird und darf hier niemand erwarten. . Manfred Straube erlaubt sich zwar mit vier Islamisten im Gefolge des Bassa und der Dia-Projektion eines Flugzeugträgers einige tagesaktuelle Verweise, doch im großen und ganzen wird die Geschichte solide und stadttheaterkompatibel erzählt. Mehr braucht es auch gar nicht, denn für Lebendigkeit und Seelentiefe sorgt der neue Chefdirigent: Der Qualitätssprung, den Michael Hellmrath innerhalb von einer Spielzeit mit den Brandenburger Sinfonikern erzielen konnte, ist schlichtweg sensationell. Mozart, blitzblank und geschmeidig, sensibel und unauffällig bewegt, der die Mozart-Routine etlicher weit größerer Opernhäuser deklassiert. Dass diese "Entführung" auch Ausstrahlungskraft ins fünfzehn Zugminuten entfernte Potsdam haben wird, ist erwünscht - andersherum freilich ebenso.

Denn während Brandenburg hochwertige Stadttheater-Kost liefert, bietet Potsdam mit dem Schlosstheater im neuen Palais Feinschmecker-Kost für Fortgeschrittene: Diesmal mit Wilhelmine von Bayreuths "Argenore" als doppelsinnigem Beitrag zum Preussen-Jahr. Das Werk der Lieblingsschwester Friedrichs II. ist nicht nur ein weiterer Beleg dafür, dass die Hohenzollern im 18. Jahrhundert die musikalischste aller Herrscherfamilien waren, sondern gewährt zugleich Einblick in die familiäre Tyrannei am Hofe des Soldatenkönigs. Dem König Argenore fällt seine gesamte Familie zum Opfer - wenn der sterbende Monrach nach gut drei Stunden der Oper ein Ende setzt, liegen außer ihm fünf der insgesamt sieben Solisten am Boden. Von diesen familiären Direktbezügen in der inszenierung Jos van Kans freilich nichts zu merken: Statt dessen pendelt das Drama sich irgendwo zwischen Bürgerkriegs-Aktualität und dem antikisierenden Touch wallender Kostüme ein. Dass die Männer dabei meist mit bodenlangem Rock und freiem Oberkörper herumlaufen, darf getrost als Spiel mit der sexuellen Ambiguität der vier (!) Kastratenrollen verstanden werden. Mächtig schwellen hier die baren Brüste, um die falsettierten Töne zu stemmen.

Das allerdings ganz vorzüglich: Mit dem Sopranisten Jörg Waschinski und den Altisten Nicholas Hariades und Johnny Maldonado singen in Potsdam drei Countertenöre von internationalem Format, die sich in Timbre und Charakter optimal ergänzen. Der Abwechslungsreichtum tut allerdings auch not, denn im Gegensatz zum blutrünstigen Text zeigt Wilhelmine in ihrer Musik überwiegend die uniform lächelnde Opera-seria-Fassade - so sehr sich die Batzdorfer Hofkapelle und Johan van Slageren auch bemühen, noch das letzte Gran an Vitalität aus der Partitur zu kitzeln. Aber das gehörte wohl auch zum fürstlichen Selbstverständnis Wilhelmines: Wie es drinnen aussah, ging keinen was an. Schon gar nicht die Untertanen.

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